14.10.2026 - München
Wie lässt sich das Planen und Bauen vereinfachen, ohne Qualität und Sicherheit aufs Spiel zu setzen? Darüber diskutierte der Vorstand der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau beim Parlamentarischen Frühstück mit Abgeordneten der Landtagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen am 14. Oktober 2026 im Bayerischen Landtag. Im Mittelpunkt standen mittelstandsfreundliche Vergaben, die geplante Umbauordnung, der Gebäudetyp-e, verbindliche Qualitätsstandards für Ingenieurleistungen, Klimaanpassung sowie der bauliche Schutz kritischer Infrastrukturen.
Die Kammer warnte davor, öffentliche Projekte zunehmend pauschal an General- und Totalunternehmer zu vergeben. Solche Modelle können bei komplexen Großvorhaben sinnvoll sein. Werden sie jedoch auch bei kleineren Maßnahmen zum Standard, geraten regionale Ingenieurbüros und Handwerksbetriebe ins Hintertreffen.
Zugleich verlieren öffentliche Bauherren nach der Vergabe Einfluss auf Planung und Ausführung. Die Kammer plädierte deshalb für die losweise Vergabe als Regelfall, belastbare Planungen vor Baubeginn und klare Entscheidungen der Auftraggeber.
Die erhöhten Wertgrenzen für Direktvergaben und beschränkte Ausschreibungen bieten gute Möglichkeiten, Verfahren zu beschleunigen und bewährte Marktteilnehmer einzubinden. In vielen Kommunen kommen diese Instrumente jedoch noch zu selten zum Einsatz.
Notwendig sind angepasste kommunale Satzungen, mehr Fachkompetenz und ein Verwaltungshandeln, das verantwortliche Entscheidungen ermöglicht, statt sie durch immer weitere Absicherung zu ersetzen.
Breiten Raum nahm die Frage ein, wie zusätzlicher Wohnraum im Bestand schneller und wirtschaftlicher entstehen kann. Anhand eines Dachgeschossausbaus wurde deutlich, wie Nachweise, Gebäudeklassen und weitere formale Anforderungen kleine Vorhaben unverhältnismäßig verteuern können.
Die geplante Umbauordnung mit Erleichterungen unter anderem bei Gebäudeklassen, Stellplätzen und Abstandsflächen wurde daher grundsätzlich begrüßt. Entscheidend sei, das Reformpaket im weiteren Verfahren nicht erneut mit zusätzlichen Anforderungen zu überladen.
Auch beim Gebäudetyp-e sprachen sich die Beteiligten für mehr Spielraum aus. Nicht jeder etablierte Standard ist für Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit zwingend erforderlich.
Funktionale, ressourcenschonende und kostengünstige Lösungen brauchen klare Vereinbarungen, qualifizierte Planerinnen und Planer und die Bereitschaft, fachliche Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, erhöhten Planungsaufwand angemessen zu honorieren.
Weniger staatliche Vorgaben dürfen nicht zu geringeren fachlichen Anforderungen führen. Die Kammer warb deshalb für einen klareren Berufsvorbehalt, verbindliche Qualifikations- und Fortbildungsanforderungen sowie wirksame Berufsaufsicht.
Mehr Verantwortung könne auf die planenden Berufe übertragen werden, wenn zugleich nachvollziehbar sei, wer sicherheitsrelevante Leistungen erbringen darf und wie Fehlverhalten sanktioniert wird. Erweiterte Aufsichtsmöglichkeiten der Kammern könnten Staat und Verwaltung entlasten und zugleich Verbraucher- und Sicherheitsschutz stärken.
Mit Blick auf zunehmende Hitze, Starkregen und Extremwetterereignisse wurde eine stärkere Ausrichtung des Bauens an die Klimaanpassung gefordert. Als wirksame Grundprinzipien wurden Verschattung, Dachüberstände, geeignete Fassaden- und Fensterkonzepte, Speichermassen sowie natürliche Lüftung genannt. Statt immer neue technische Systeme und Normen aufeinanderzuschichten, sollten bewährte bauphysikalische Lösungen und ein angemessenes Komfortverständnis stärker berücksichtigt werden. Gute Pilotprojekte müssten sichtbar gemacht und in die Breite übertragen werden.
Ein weiterer Schwerpunkt war der physische Schutz kritischer Infrastrukturen. Rechenzentren, Leitstellen, Energieanlagen, Krankenhäuser und Kommunikationsnetze müssen nicht nur digital, sondern auch baulich widerstandsfähig sein.
Für den Bevölkerungsschutz wurden pragmatische Lösungen wie das Zwei-Wände-Prinzip und die systematische Identifikation geeigneter öffentlicher Zufluchtsräume erläutert.
Das Parlamentarische Frühstück knüpfte unmittelbar an den Austausch beim letzten Parlamentarischen Frühstück mit den Grünen am 15. Oktober 2025 an. Dort standen Klimaschutz und Bauen, bezahlbarer Wohnraum, Gebäudetyp-e, Normenabbau, Genehmigungs- und Vergabeverfahren sowie Resilienz und Zivilschutz im Mittelpunkt.
Ein Jahr später wurde die Diskussion konkreter:
Der erneute Austausch zeigte damit vor allem eines: Für schnelleres, bezahlbares und widerstandsfähiges Bauen braucht es nicht nur neue Regeln, sondern mehr Vertrauen in qualifizierte Fachleute und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Themenüberblick
Teilnehmende Bündnis 90 / Die Grünen:
Teilnehmende Bayerische Ingenieurekammer-Bau:
Redaktion: Jan Struck, Titelfoto: Bündnis 90 / Die Grünen, weitere Fotos: BayIka-Bau
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