08.09.2026 - Frankfurt am Main / Düsseldorf
Über 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind auf eine leistungsfähige Infrastruktur angewiesen - und bereit, in die Zukunft des Standortes zu investieren. Das zeigt die neue Studie „Vom Wachstumshemmnis zum Wachstumstreiber“.44 Prozent der Unternehmen rechnen bei einer erfolgreichen Modernisierung der Infrastruktur mit steigenden eigenen Investitionen in Deutschland. Kurzfristig wirkt zudem der Konjunkturimpuls: Jeder zielgerichtet eingesetzte Euro steigert das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 1,20 Euro.
Für die Studie des Handelsblatt Research Institute (HRI) mit den strategischen Partnern PwC Deutschland und Strategy& wurden 304 Entscheiderinnen und Entscheider aus Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten über alle Branchen hinweg befragt. Für 76 Prozent beeinflusst die Qualität der Infrastruktur das eigene Investitionsverhalten in Deutschland stark. Gelingt die Infrastrukturmodernisierung, geht fast die Hälfte der Befragten davon aus, dass ihr Unternehmen die Investitionen in Deutschland erhöht. 36 Prozent erwarten Produktivitätsgewinne durch eine Standortverbesserung; davon rechnen 48 Prozent mit Zuwächsen von mindestens sechs Prozent.
„Viele Unternehmen möchten einen aktiven Beitrag leisten,
Deutschlands Infrastruktur zukunftsfähig zu machen. Doch diese Bereitschaft
wird nur dann zu realem Kapital, wenn öffentliche und private
Investitionszyklen zeitlich und planerisch zusammenfinden.“
Rebekka Berbner, Partnerin bei PwC Deutschland
In den nächsten zehn Jahren fallen rund 60 Mrd. Euro für Bundesfernstraßen, bis zu 270 Mrd. Euro für die Schiene und mehr als 70 Mrd. Euro für die digitale Infrastruktur an. Über 20 Jahre gerechnet kommen 490 bis 650 Mrd. Euro für den Umbau der Energieversorgung hinzu. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz stellt dem 500 Mrd. Euro über zwölf Jahre gegenüber, die zudem auf mehr Bereiche als die in der Analyse betrachteten verteilt werden sollen. Es ist damit alternativlos, deckt den Modernisierungsstau aber nicht ab.
Entscheidend ist deshalb, wie das Geld eingesetzt wird: In der aktuellen konjunkturellen Unterauslastung steigert jeder zielgerichtet eingesetzte Euro das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 1,20 Euro. Voraussetzung ist, dass die Mittel in baureife, volkswirtschaftlich sinnvolle Projekte fließen und schnell in den Wirtschaftskreislauf gelangen.
„Öffentliche Infrastrukturinvestitionen entfalten damit einen spürbaren kurzfristigen Konjunkturimpuls - zusätzlich zu den langfristigen Standortvorteilen“, sagt Prof. Bernhard Köster, der mithilfe mathematisch-statistischer Modelle den Fiskalmultiplikator geschätzt hat. „Über die Höhe des Impulses entscheiden zwei Faktoren: die Auswahl der Projekte und das Tempo. Nach drei bis maximal fünf Jahren verliert der Effekt seine Kraft.“
Zum Nadelöhr kann dabei die zeitlich-räumliche Ballung der Infrastrukturprojekte werden. Trifft ein plötzlicher Nachfrageanstieg auf knappe Kapazitäten, führt er stärker zu Baupreissteigerungen als zu zusätzlicher Bauleistung. Die Studie hält einen nationalen Infrastruktur-Taktfahrplan deshalb für unverzichtbar.
„Die eigentliche Chance der Modernisierung liegt nicht im
Nachholen von Versäumnissen, sondern im Vorausdenken von Zukunftschancen. Wer
beim Ausbau konsequent auf Digitalisierung, KI-Fähigkeiten und eine smarte
Netz- und Rechenzentrumslandschaft setzt, baut keine Infrastruktur nur für
heute, sondern die Plattform für die Wertschöpfung von morgen.“
Jens Niebuhr, Partner bei Strategy& Deutschland
Ein weiteres Kernergebnis: Der Modernisierungsprozess gelingt nur im Zusammenspiel. Der Staat setzt verlässliche Rahmenbedingungen und beschleunigt Verfahren, Unternehmen planen und realisieren Projekte, Finanzakteure mobilisieren Kapital und Bürgerinnen und Bürger, Verbände sowie Kommunen bringen ihre Perspektiven frühzeitig ein, um tragfähige und akzeptierte Lösungen zu ermöglichen.
Nicht nur die Höhe der bereitgestellten Mittel entscheidet über den Erfolg, sondern insbesondere die Leistungsfähigkeit der Umsetzung. Ein zentraler Hebel liegt in der Verzahnung der Sektoren: Verkehr, Energie und digitale Infrastruktur werden bislang getrennt geplant und finanziert. Rechenzentren brauchen aber Glasfaser und gesicherte Stromleistung gleichzeitig, Industriegebiete zusätzlich Netzkapazität. Erst eine integrierte Planung stellt sicher, dass die Netze zeitlich und räumlich abgestimmt entstehen – und öffentliche Investitionen private nach sich ziehen.
Nötig sind außerdem Projekte, die baureif und schnell realisierbar sind, klar priorisierte Verfahren, ausreichende Kapazitäten in Verwaltung, Planung und Bauwirtschaft sowie ein gesicherter Betrieb, damit die Infrastruktur dauerhaft produktiv genutzt wird. Möglich wird das durch eine ressortübergreifende Infrastrukturstrategie, eine belastbare Datenbasis, digitalisierte Planungs- und Genehmigungsverfahren, personell gestärkte Behörden, modernere Vergabeprozesse und professionelles Projektmanagement auf Auftraggeber- wie Auftragnehmerseite.
Nach Einschätzung der Studienautoren kann Deutschland mit einem Potenzialwachstum deutlich über einem Prozent, gestärkter industrieller Wettbewerbsfähigkeit, verringerten regionalen Ungleichgewichten und einer digital vernetzten Volkswirtschaft im kommenden Jahrzehnt im internationalen Wettbewerb wieder ganz vorne mitspielen.
„Priorisierung, beschleunigte Umsetzung und Finanzierung müssen wirksam ineinandergreifen, damit die kurzfristigen positiven Wachstumsimpulse ihre Wirkung entfalten und damit die Grundlage für eine Dekade von Infrastrukturwachstum bilden.“
Clemens Koch, Mitglied der Geschäftsführung bei PwC Deutschland
Die Studie zeigt nicht nur, warum sich dieser Weg lohnt, sondern auch, welche konkreten Schritte jetzt notwendig sind.
Deutschlands Infrastruktur ist dicht geknüpft, aber in die Jahre gekommen. Die Studie bündelt die verfügbaren Bedarfsschätzungen und kommt für die kommende Dekade auf rund 1,9 Billionen Euro; rechnet man private Energieinvestitionen hinzu, steigt der Bedarf auf etwa 2,17 Billionen Euro. Die größten Segmente: 724 Milliarden Euro für die Straße, 242 Milliarden Euro für die Schiene, 144 Milliarden Euro für Energie und 74 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur. Ein erheblicher Teil davon ist bislang nicht gedeckt – allein bei der Straße fehlen 416 Milliarden Euro.
Mit dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz stellt der Bund 500 Milliarden Euro bereit. Die Studie zeigt jedoch: Der Modernisierungsbedarf übersteigt die verfügbaren öffentlichen Mittel deutlich. Neben Steuermitteln werden daher private Investitionen, Infrastrukturfonds und nutzerfinanzierte Modelle an Bedeutung gewinnen.
Die Autoren berechnen für die aktuelle Konjunkturlage einen Fiskalmultiplikator von 1,2: Jeder öffentlich investierte Euro erhöht das Bruttoinlandsprodukt um 1,20 Euro, überwiegend innerhalb von drei bis fünf Jahren. Voraussetzung ist eine unterausgelastete Wirtschaft, in der die Mittel in Mengen- und nicht in Preiseffekte fließen. Die Geschwindigkeit des Mittelabflusses entscheidet dabei maßgeblich über die Höhe des Effekts. Aus Unternehmenssicht bestätigt sich dieses Bild: 48 Prozent derjenigen, die Produktivitätsgewinne erwarten, rechnen mit mindestens sechs Prozent Zuwachs, 21 Prozent mit mehr als zehn Prozent.
Die zentrale Botschaft: Nicht die Höhe der Mittel entscheidet über den Erfolg, sondern die Leistungsfähigkeit des Umsetzungssystems sowie ein abgestimmtes Zusammenwirken von Staat, Unternehmen, Finanzwirtschaft und Gesellschaft. Entscheidend sind schnellere Genehmigungen, belastbare Projektpipelines, digitale Verfahren, ausreichend Fachkräfte und eine bessere sektorübergreifende Koordination. Nur wenn Planung, Finanzierung und Realisierung ineinandergreifen, kann aus der Infrastruktur-Offensive ein nachhaltiger Wachstumsschub entstehen.
Der Blick in die Assetklassen
Die vorliegende Analyse ist der zweite Teil der Studienreihe „Standort Zukunft“, die in weiteren Teilstudien über die kommenden 1,5 Jahre zentrale Wachstumsfelder und deren Umsetzung vertiefend untersucht.
Im Fokus der weiteren Studien stehen unter anderem die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, der industrielle Einsatz Künstlicher Intelligenz und die Dekarbonisierung. Zudem werden die Rolle des Unternehmertums sowie die benötigten Fähigkeiten für den Wandel beleuchtet. Ziel ist es, konkrete Bausteine für eine neue Wachstumsphase der deutschen Wirtschaft zu identifizieren.
Empirische Basis für die Ergebnisse der Studie ist eine quantitative Befragung von 304 Entscheiderinnen und Entscheidern der deutschen Wirtschaft, die im Mai 2026 durchgeführt wurde.
Weitere Informationen
https://www.pwc.de/de/reinvention/standort-zukunft-infrastruktur.html
Die gesamte Studie ist nach kurzer Registrierung kostenfrei abrufbar unter:
Quellen: Handelsblatt Research Institute (HRI), PwC Deutschland, Strategy&, Foto: Handelsblatt Research Institute (HRI)
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