21.08.2026 - Berlin
Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, neue Finanzierungsmöglichkeiten und Reformen im Planungs- und Vergaberecht sollen das Planen und Bauen beschleunigen und den Investitionsstau lösen. Die aktuelle Konjunkturbefragung 2026 von BIngK, BAK, VBI und AHO zeigt jedoch, dass viele Ingenieur- und Architekturbüros weiterhin unter wirtschaftlichem Druck stehen. Vor allem kleinere Büros profitieren bislang nur eingeschränkt von den angekündigten Investitionsprogrammen.
Der Zustand der Verkehrsinfrastruktur, die Transformation der Energieversorgung, die Anpassung an den Klimawandel und die Sanierung des Gebäudebestands erfordern erhebliche Investitionen und umfangreiche Planungskapazitäten. Die Erwartungen an die Ingenieurbranche sind hoch.
Vor diesem Hintergrund überrascht das Ergebnis der aktuellen Konjunkturbefragung im Auftrag von Bundesingenieurkammer (BIngK), Bundesarchitektenkammer (BAK), AHO und VBI. Trotz Sondervermögen, Investitionsankündigungen und Diskussionen über beschleunigte Genehmigungsverfahren bleibt die wirtschaftliche Situation vieler Ingenieur- und Architekturbüros angespannt.
Die wirtschaftliche Entwicklung der Ingenieurbüros hat sich gegenüber dem Vorjahr nicht grundlegend verbessert.
37 Prozent der Ingenieurbüros berichten von einem rückläufigen Auftragsbestand in den vergangenen sechs Monaten. Nur 30 Prozent verzeichnen einen Anstieg. Gleichzeitig erwarten 27 Prozent der Büros einen weiteren Rückgang ihrer Aufträge in den kommenden sechs Monaten. Lediglich 23 Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Fast die Hälfte der Büros geht von einer unveränderten Entwicklung aus.
Trotz dieser zurückhaltenden Erwartungen liegt der durchschnittliche Auftragsbestand mit 11,3 Monaten leicht über dem Vorjahreswert von 11,1 Monaten. Damit präsentieren sich Ingenieurbüros insgesamt wirtschaftlich stabiler als Architekturbüros.
Hinter dem Durchschnittswert verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede. Während Ein-Personen-Büros über einen Auftragsbestand von 7,7 Monaten verfügen, kommen Büros mit 10 bis 25 Beschäftigten auf 13,8 Monate und Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern auf 14 Monate.
Grundlage der Untersuchung sind die Antworten von 4.859 Architekten und Ingenieuren. Damit handelt es sich um die bislang größte Erhebung dieser Art.
Ein zentrales Ergebnis der Befragung lautet: Nicht die fachliche Spezialisierung, sondern die Größe eines Büros entscheidet zunehmend über die wirtschaftliche Stabilität.
Die deutsche Ingenieurbranche ist mittelständisch geprägt. Rund 60 Prozent der Ingenieurbüros beschäftigen höchstens zehn Mitarbeiter. Nur neun Prozent verfügen über mehr als 50 Beschäftigte. Gleichzeitig sind es gerade die größeren Büros, die ihre wirtschaftliche Lage deutlich positiver bewerten. Besonders robust zeigt sich die Gruppe der Büros mit 10 bis 25 Beschäftigten. Sie weist in mehreren Kategorien die besten Werte auf - sowohl bei der Entwicklung des Auftragsbestandes als auch bei der allgemeinen wirtschaftlichen Einschätzung.
Während 64 Prozent aller Ingenieurbüros eine Betriebsschließung als sehr unwahrscheinlich einstufen, steigt dieser Wert bei Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten auf 77 Prozent. Kleinere Büros bewerten ihre Zukunft deutlich vorsichtiger: 11 Prozent sehen diese als ungewiss an.
Die Ergebnisse der Studie sind laut Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer, ein Alarmsignal für die Politik: „Die wirtschaftliche Lage vieler Planungsbüros ist zunehmend angespannt. Steigende Personal- und Sachkosten und gleichzeitig hohe Anforderungen an Planung und Dokumentation setzen die Büros erheblich unter Druck. Wenn wir wollen, dass auch künftig ausreichend Planungskapazitäten und die ‚beste Idee‘ für die dringend benötigte Infrastruktur, den Wohnungsbau und die Energiewende zur Verfügung stehen, müssen Politik und öffentliche Auftraggeber jetzt handeln: Projekte müssen verlässlich finanziert, Prozesse verschlankt und Planungsleistungen angemessen vergütet werden.“
Andrea Gebhard, die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer: „Die Ergebnisse der Konjunkturbefragung sind ein deutliches Warnsignal. Viele Architektur- und Ingenieurbüros stehen wirtschaftlich unter erheblichem Druck, der Auftragsbestand geht zurück und die wirtschaftliche Unsicherheit wächst. Das können wir uns angesichts der Herausforderungen beim Wohnungsbau, der Klimaanpassung unserer Städte und der Modernisierung der Infrastruktur nicht leisten. Jetzt braucht es ein klares politisches Signal: Planen und Bauen muss einfacher, schneller und verlässlicher werden. Und Planungsbüros brauchen verlässliche und auskömmliche Rahmenbedingungen, denn ohne leistungsfähige Architektur- und Ingenieurbüros sind die Aufgaben nicht zu bewältigen.“
Die Befragung verdeutlicht außerdem, wie stark sich die Auftraggeberstruktur auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirkt. 45 Prozent der Gesamtleistung von Ingenieurbüros entfallen inzwischen auf öffentliche Auftraggeber. Weitere 36 Prozent stammen von gewerblichen Auftraggebern, während Privatpersonen lediglich 19 Prozent ausmachen. Gegenüber dem Vorjahr ist der Anteil öffentlicher Auftraggeber weiter gestiegen.
Allerdings profitieren nicht alle Büros gleichermaßen von dieser Entwicklung. Ein-Personen-Büros erzielen lediglich 23 Prozent ihrer Leistungen im öffentlichen Bereich. Bei Büros mit mehr als 50 Beschäftigten liegt dieser Anteil dagegen bei 68 Prozent. Bereits ab einer Größe von zehn Mitarbeitern stammt mehr als die Hälfte des Umsatzes aus öffentlichen Aufträgen.
Diese Zahlen werfen eine wichtige wirtschaftspolitische Frage auf. Die Bundesregierung setzt auf umfangreiche Investitionsprogramme und das Sondervermögen Infrastruktur, um dringend notwendige Modernisierungsmaßnahmen anzustoßen. Gleichzeitig kämpfen viele Kommunen mit erheblichen Haushaltsproblemen. Die Folgen sind verschobene Projekte, verzögerte Ausschreibungen und eine hohe Unsicherheit bei der Investitionsplanung.
Die Konjunkturbefragung legt nahe, dass zusätzliche Finanzmittel allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, wie schnell Investitionsprogramme tatsächlich in konkrete Planungsaufträge überführt werden.
Die Befragung zeigt zudem, dass die wirtschaftliche Lage innerhalb der Ingenieurbranche keineswegs einheitlich ist. Besonders zurückhaltend fällt die Bewertung bei Ingenieurbüros aus, die in der Tragwerksplanung und im Bereich der Verkehrsanlagen tätig sind. Deutlich positiver beurteilen dagegen Büros für die Objektplanung von Ingenieurbauwerken ihre aktuelle Situation.
Gerade dieser Befund ist bemerkenswert. Denn die Modernisierung von Brücken, Straßen, Schienenwegen und anderen Infrastruktureinrichtungen gehört zu den wichtigsten politischen Vorhaben der kommenden Jahre. Dass ausgerechnet die dafür erforderlichen Fachdisziplinen ihre wirtschaftliche Situation besonders kritisch bewerten, sollte als Warnsignal verstanden werden.
Die größten wirtschaftlichen Belastungen sehen die Ingenieurbüros in den regulatorischen Anforderungen. 45 Prozent der Unternehmen bewerten sie als starkes oder eher starkes Hemmnis. Dahinter folgen gestörte Projektabläufe mit 43 Prozent und der wirtschaftliche Abschwung mit 42 Prozent.
Auch Fragen der Vergütung spielen eine wichtige Rolle. 39 Prozent der Ingenieurbüros sehen in einer unangemessenen oder unzureichenden Vergütung ein wesentliches Problem. 32 Prozent nennen die Unverbindlichkeit der HOAI als Belastungsfaktor.
Der Wettbewerbsdruck wird von 33 Prozent der Büros als erhebliches Hemmnis eingestuft.
Diese Ergebnisse dürften die aktuelle Diskussion über das Vergaberecht zusätzlich befeuern. Werden Planungsleistungen weiterhin überwiegend über den Preis vergeben, geraten insbesondere kleinere und mittlere Büros unter Druck. Gleichzeitig führen steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Dokumentation und Genehmigungsverfahren zu einem wachsenden Aufwand in der Projektbearbeitung.
Auch der Fachkräftemangel bleibt ein relevantes Thema. 31 Prozent der Ingenieurbüros sehen im Mangel an Ingenieurinnen und Ingenieuren ein starkes oder eher starkes Hemmnis. Beim Mangel an Bauzeichnerinnen und Bauzeichnern liegt dieser Wert bei 21 Prozent.
Besonders größere Büros berichten über Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Der Fachkräftemangel bleibt damit ein strukturelles Problem, das sich durch die anstehenden Infrastruktur- und Transformationsaufgaben weiter verschärfen könnte.
Die Konjunkturbefragung macht deutlich, dass die Herausforderungen der Ingenieurbranche weit über konjunkturelle Schwankungen hinausgehen. Die Diskussion über das Sondervermögen Infrastruktur, die Reform des Vergaberechts und die Rolle der HOAI betrifft letztlich dieselbe Frage: Wie können die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Planungsleistungen wirtschaftlich erbracht werden können?
Denn ohne leistungsfähige Ingenieurbüros lassen sich weder die Sanierung der Infrastruktur noch die Energiewende oder die notwendige Klimaanpassung umsetzen. Die wirtschaftliche Stabilität der Planungsbüros ist deshalb nicht nur eine Frage der Branchenentwicklung, sondern ein entscheidender Standortfaktor für Deutschland.
Im Mai und Juni 2026 führten AHO, BAK, VBI und BIngK mit ihren jeweiligen Landeskammern die Online-Konjunkturbefragung mit Unterstützung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Consult) sowie Reiß & Hommerich durch. Insgesamt beteiligten sich 4.859 Architektur- und Ingenieurbüros an der Befragung, nach 2.452 Unternehmen im Vorjahr eine nochmals deutliche Steigerung der Teilnehmerzahl. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise zur Lage der Branche und zeigen, wo politischer Handlungsbedarf besteht.
Quelle und Fotos: Bundesingenieurkammer, Titelfoto: KI-generiert mit Firefly / Gemini Flash, Foto Andrea Gebhard: Laurence Chaperon / BAK
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