07.07.2026 - München
Wie können wir Städte gestalten, die auch in einem heißeren Klima lebenswert bleiben? Im Interview spricht Ben Gottkehaskamp von der TU München darüber, wie Menschen Hitze im städtischen Raum wahrnehmen und wie Planer besser verstehen können, wann die Bedingungen unangenehm oder sogar gefährlich werden. „Menschen empfinden Hitze sehr unterschiedlich. Wenn wir diese Unterschiede besser verstehen, können wir Außenbereiche gestalten, die für alle sicherer, gesünder und angenehmer sind“, so Gottkehaskamp.
Wie erleben Menschen Hitze im Stadtraum? Und wie können Gebäude, Straßen und Plätze so gestaltet werden, dass sie auch in Zeiten des Klimawandels lebenswert bleiben?
In seiner Forschung verbindet Ben Gottkehaskamp Architektur, Klimasimulation, menschliche Physiologie und Softwareentwicklung. Im Interview spricht der Gastwissenschaftler und Dozent am Lehrstuhl für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen von Prof. Thomas Auer über thermischen Komfort, nachhaltige Stadtplanung und warum Simulationen vor allem eines brauchen: kritisches Denken.
Woran forschen Sie?
Meine Forschung beschäftigt sich mit der Verbindung von gebauter Umwelt und menschlicher Physiologie, genauer gesagt mit thermischem Komfort im Außenraum. Ich untersuche, wie Menschen auf unterschiedliche klimatische Bedingungen reagieren: physiologisch, aber auch subjektiv in ihrem persönlichen Empfinden.
Viele bestehende Komfortmetriken liefern bisher einen einzelnen Wert für eine Standardperson, etwa „stark wärmebelastet“. Menschen reagieren jedoch sehr unterschiedlich auf Hitze - Kinder, ältere Menschen oder junge Erwachsene haben jeweils andere Voraussetzungen. Mein Ziel ist es daher, eine Metrik zu entwickeln oder bestehende Ansätze zu erweitern, die diese Unterschiede besser abbildet.
In meinen Vorstudien führe ich Umgebungsdaten, lokale Klimabedingungen und zukünftig auch physiologische Reaktionen zusammen. Bei sogenannten Thermal Walks erfasse ich Informationen über Vegetation, Gebäude, Verschattung, Lufttemperatur, Wind, thermische Strahlung sowie körperliche Reaktionen wie Hauttemperatur, Herzfrequenz oder Schweißrate.
Welche Erkenntnisse haben Sie bereits gewonnen und was möchten Sie mit Ihrer Forschung bewegen?
Ich stehe noch am Anfang meiner geplanten Promotion, habe aber bereits ein gutes Verständnis dafür entwickelt, warum ein menschenzentrierter Ansatz wichtig ist. Thermoregulatorische Modelle können helfen, den menschlichen Körper in Simulationen abzubilden - von sehr einfachen Modellen bis hin zu komplexen Multi-Segment-Modellen, die einzelne Körperbereiche separat betrachten. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zu finden: Modelle müssen detailliert genug sein, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern, dürfen aber nicht so komplex werden, dass die nötigen Daten kaum noch realistisch erhoben werden können.
Langfristig hoffe ich, mit meiner Forschung bessere Daten und eine praxistaugliche Metrik bereitzustellen. Diese sollte nicht nur einen einzelnen Wert ausgeben, sondern eher einen Bereich beschreiben: Wann wird eine Situation für bestimmte Personengruppen unangenehm? Und wann möglicherweise gefährlich? Solche Erkenntnisse könnten eines Tages in Normen, Stadtplanung oder Simulationen einfließen und bei Bauvorhaben helfen, nachhaltigere Entscheidungen zu treffen.
Welche Veränderungen erwarten unsere Städte und ländliche Räume durch den Klimawandel?
In Städten werden wir deutlich mehr Hitzetage und warme Nächte erleben. Der Urban-Heat-Island-Effekt verstärkt dieses Problem: Versiegelte Flächen, dichte Bebauung und wenig Vegetation speichern Wärme und geben sie nachts nur langsam wieder ab. Besonders gefährlich kann das für vulnerable Gruppen sein, etwa ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Vorerkrankungen.
Auf dem Land ist die Situation anders. Dort sorgen Grün- und Wasserflächen oft für natürliche Kühlung. Gleichzeitig nehmen aber andere Risiken zu, etwa Dürren, Wasserknappheit und Ernteausfälle. Insgesamt verändern sich unsere klimatischen Bedingungen spürbar, und wir sind auf extreme Hitze noch nicht ausreichend vorbereitet.
Was macht unsere Wohnsituationen hitzeresistenter und was schafft mehr Lebensqualität?
Wichtig sind vor allem passive Strategien. Wir sollten uns nicht allein auf Klimaanlagen verlassen, weil diese Energie verbrauchen und den Klimawandel zusätzlich verstärken können. Bei Gebäuden helfen etwa außenliegender Sonnenschutz, gute Dämmung, thermische Masse, Nachtauskühlung durch gezielte Lüftung sowie helle, reflektierende Oberflächen.
In Städten spielt Vegetation eine zentrale Rolle: Straßenbäume, Grünflächen, Dach- und Fassadenbegrünung spenden Schatten und kühlen durch Verdunstung. Initiativen wie der Baumentscheid München setzen sich beispielsweise für eine flächendeckende Begrünung ein. Auch Wasserflächen und freie Frischluftschneisen sind wichtig, damit Städte besser durchlüftet werden.
Mehr Lebensqualität entsteht, wenn wir Hitzebelastung gezielt reduzieren und gleichzeitig besser verstehen, wie verschiedene Menschen Hitze erleben. Genau hier liegt die Relevanz meiner Forschung: Wenn wir wissen, wann es für wen kritisch wird, können Planerinnen und Planer gezielter entscheiden, wo Beschattung, Begrünung oder andere Maßnahmen am dringendsten gebraucht werden.
Sie sind auch als Dozent tätig. Welche Inhalte vermitteln Sie Master-Studierenden Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen?
Ich lehre den Kurs Advanced Modeling, in dem Studierende mit thermischen Simulationen arbeiten, unter anderem mit dem Transient System Simulation Tool TRNSYS. Ziel ist es, Simulationen nicht als reine Bestätigung bereits gefällter Entscheidungen zu verstehen, sondern als exploratives Werkzeug.
Die Studierenden lernen, Modelle aufzubauen, sinnvolle Abstraktionen zu finden, Design-Ideen zu testen und verschiedene Strategien miteinander zu kombinieren. Dabei ist mir besonders wichtig, dass sie Simulationsergebnisse kritisch hinterfragen. Ein Modell ist immer nur so gut wie seine Annahmen. Die Studierenden sollen lernen, wie Klima-Ingenieur:innen zu denken: analytisch, interdisziplinär und verantwortungsbewusst.
Wie sind Sie Software Engineer und Climate Engineer geworden?
Ich war schon während meines Architektur-Studiums stark an Simulation und Nachhaltigkeit interessiert, und thermische Gebäudesimulationen verbinden diese Themen sehr gut. Deshalb habe ich mich für den Master Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen an der TUM entschieden. Während eines Auslandsjahrs an der National University in Singapur habe ich mich intensiv mit Klimamodellen, Thermal Walks und Außenkomfort beschäftigt. Dort war ich auch in ein Projekt eingebunden, welches das Mikroklima auf dem Campus erfasste, um die urbane Hitze zu mindern. In meiner derzeitigen Position als Softwareentwickler entwickle ich Tools und arbeite an neuen Lösungen. Beide Erfahrungen verbinde ich in meiner geplanten Doktorarbeit.
Quelle: Technische Universität München, TUM School of Engineering and Desig, Foto: Cornelia Freund / TUM (eigene Bearbeitung)
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