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So schützen wir unsere kritischen Infrastrukturen

Fachleute diskutierten auf der gemeinsamen Tagung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Akademie für Politische Bildung Tutzing

24.05.2024 - Tutzing

So schützen wir unsere kritischen Infrastrukturen

Mit dem fortschreitenden Klimawandel werden Extremwetterereignisse wie die Flut im Ahrtal oder längere Dürreperioden immer häufiger. Aber auch Cyberangriffe und Kriege haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Besonders die kritischen Infrastrukturen müssen in Krisenfällen aufrechterhalten werden, um die Bevölkerung vor weiteren Eskalationen zu schützen. Über mögliche Schutzmaßnahmen, Forderungen an Politik und Gesellschaft sowie Grenzen des Möglichen haben Fachleute in der Tagung "Sicher in die Zukunft?" der Akademie für Politische Bildung und der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau diskutiert.

"Man muss sich unangenehmen Wahrheiten stellen", sagt Eva-Maria Kern, Präsidentin der Universität der Bundeswehr München. In Anbetracht des Klimawandels sowie der zunehmenden Anzahl internationaler und nationaler Krisen braucht es einen umfassenden Schutz der kritischen Infrastrukturen - auch wenn es zunächst unwirtschaftlich scheinen mag. So besagt es auch das Präventionsparadox: Treten lange Zeit oder in der eigenen Umgebung keine Krisen oder Extremfälle ein, werden die eingerichteten und angestrebten Schutzmaßnahmen als überflüssig angesehen. Höhere Kosten, zum Beispiel für Bauwerke, können nicht mehr gerechtfertigt werden und Verantwortliche entscheiden sich für die günstigere, weniger sichere Alternative. Aufklärung über natürliche Gefahren und menschliche Angriffe sowie über die Rolle von kritischen Infrastrukturen helfen dabei, ein nachhaltiges und krisensicheres Versorgungssystem zu etablieren. 

Die Tagung "Sicher in die Zukunft? Herausforderungen der kritischen Infrastrukturen Wasser und Verkehr" der Akademie für Politische Bildung und der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau hat sich mit diesen sicherheitspolitischen Fragen beschäftigt - insbesondere mit Blick auf die Baubranche.

Schutz kritischer Infrastrukturen bringt Interessenskonflikte mit sich

Der Begriff KRITIS steht für "Kritische Infrastrukturen" und umfasst zehn interdependente Sektoren innerhalb derer kritische Dienstleistungen erbracht werden: Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Medien und Kultur, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Siedlungsabfallentsorgung sowie Staat und Verwaltung. Die Einteilung, auf die sich Bund und Länder 2011 geeinigt haben, verteilt die jeweiligen Zuständigkeiten im Ernstfall. Außerdem verpflichtet es auch privatwirtschaftliche Unternehmen zum Katastrophenschutz. 

Die einzelnen Sektoren sind allerdings so eng miteinander verstrickt, dass es in einem Krisenfall leicht zu Dominoeffekten kommen kann. Wenn in einem Sektor starke Einschränkungen auftreten, führen diese schnell zu Komplikationen in einem oder mehreren weiteren. Darüber hinaus können diese wechselseitigen Abhängigkeiten bereits im Vorhinein Interessenkonflikte hervorrufen, beispielsweise zwischen der Landwirtschaft und der Wasserbranche. Letztere strebt danach, das Grundwasser vor zu hohen Nitratwerten zu schützen. Eine strenge Düngeverordnung lehnen aber viele Landwirtinnen und Landwirte aus wirtschaftlichen Gründen ab.

Außerdem stellt sich die Herausforderung, mit möglichst wenig Steuergeld eine krisensichere Infrastruktur zu gewährleisten. Eine erhöhte Aufmerksamkeit für Katastrophenschutz könnte helfen, sagt Rita Hilliges von der Hochschule Augsburg. So seien Geldgeberinnen und Geldgeber womöglich eher dazu bereit, finanzielle Mittel dafür freizugeben. Vor allem Redundanz, sprich die Einrichtung von Schutzmaßnahmen, die über die klassische Bauplanung hinausgehen, ist oft eine Frage des Budgets. Trotz ihrer Bedeutung für einen hohen Resilienzgrad wird auf solche Maßnahmen aufgrund wirtschaftlicher Motive meist verzichtet.

Sich auf alle möglichen Katastrophen vorzubereiten wäre jedoch zu kostenintensiv, sagt Roberto Cudmani vom Lehrstuhl und Prüfamt für Grundbau, Bodenmechanik, Felsmechanik und Tunnelbau an der TU München. Das zeige sich zum Beispiel am Bau von Offshore-Windanlagen. 90 Prozent der Anlagen in deutschen Gewässern sind sogenannte "Monopiles". Diese sind besonders günstig, da lediglich ein Pfahl im Meeresboden befestigt werden muss. Eine weitaus aufwendigere und kostspieligere Variante ist der Floating-Stil. Diese Konstruktion lässt die Anlage an einer festen Stelle auf der Wasseroberfläche schwimmen und ermöglicht es dadurch, auf Wellen, Wind und Bodenveränderungen zu reagieren. Dementsprechend sind Floating-Anlagen weniger anfällig für extreme Wetterereignisse als die starren Monopiles. 

Meist entscheiden Unternehmen dennoch zugunsten des preiswerteren Modells und zulasten der Sicherheit. Leichter fällt die Entscheidung bei anpassungsfähigen Konzepten wie im Fall von Deichen. Diese sind so konzipiert, dass sie je nach Bedarf leicht und günstig erhöht oder verbreitert werden können. Dafür fallen erst Kosten an, wenn die aufwendigere Variante wirklich benötigt wird. Bauwerke mit einer hohen Anpassungsfähigkeit gelten deshalb als ressourcenschonend und wirtschaftlich.

Projektplanerinnen und Projektplaner müssen nicht nur entscheiden, welche finanziellen Mittel sie für die Resilienz eines Bauwerks freigeben, sondern auch, welche Schäden sie in Kauf nehmen können. "Man kann nichts zu 100 Prozent schützen", betont Roberto Cudmani. Wenn Zerstörung oder Verlust also nicht komplett zu verhindern sind, drängt sich die Frage nach Prioritäten auf. Welche Schäden sind vor der Öffentlichkeit verantwortbar und schnell zu reparieren? Ziel ist es, die betroffenen Infrastrukturen im Ernstfall lediglich in einen eingeschränkten Modus fallen zu lassen. 

Das bedeutet erstens, dass möglichst wenig Infrastruktur beschädigt wird und möglichst wenige Menschen verletzt oder getötet werden. Und zweitens, dass der Wiederaufbau nicht bei null beginnen muss. Schließlich geht es bei Resilienz darum, eine kurze Wiederherstellungszeit zu ermöglichen. Das spart Geld und Ressourcen. 

Auch in der Wasserwirtschaft wird dieses Ziel verfolgt, sagt Roland Schwankhart, Fachkraft Katastrophenschutzplanung beim Landratsamt Starnberg. In der Black-Out-Planung fokussieren sich die Verantwortlichen auf eine rudimentäre Aufrechterhaltung des Systems. Nach einem Cyberangriff auf das Stromnetz beispielsweise sollte es zumindest fließendes Wasser und intakte Toiletten geben. Dies allein könne eine Vielzahl von Problemen verhindern.

Planerinnen und Planer brauchen jedoch Erfahrungswerte aus vergangenen Krisen und Extremfällen, um mögliche Szenarien zu simulieren. "Man kann nur mit den Daten arbeiten, die man hat", merkt Rita Hilliges an und verweist auf den Bau der Münchner S-Bahn-Stammstrecke in den 1970er-Jahren. Damals wurde die Strecke für 250.000 Reisende pro Tag konzipiert, heute beanspruchen sie jedoch mehr als 700.000. Mit dieser Auslastung hätte man vor etwa 50 Jahren nicht zwangsweise rechnen können. Nun benötigt die Strecke eine Anpassung.

Unfälle und Katastrophen müssen gelernt werden

In der Ausbildung angehender Bauingenieurinnen und Bauingenieure findet KRITIS bislang kaum statt. Beispielsweise werden die grundlegenden Kenntnisse der Wasserwirtschaft vermittelt, die Entwicklung möglichst resilienter Bauwerke jedoch selten. Doch ein Versagen sollte bereits in der Planung mitbedacht werden - schließlich drohen jederzeit Gefahren. Ingenieurinnen und Ingenieure müssen in der Lage sein, Schwachstellen zu erkennen, Szenarien zu testen und Risiken einzuschätzen. Dementsprechend müsse mehr über Fehler in der Vergangenheit gesprochen werden. 

Roberto Cudmani fordert, dass Robustheit, Redundanz und Anpassungsfähigkeit im Lehrplan mehr Beachtung finden. Ebenso sei es wichtig, den Auszubildenden kommunikative Fähigkeiten zu lehren, um die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen sowie zwischen Auftraggeberinnen und Planern zu verbessern. Fraglich ist allerdings, ob für diese zusätzlichen Inhalte im Lehrplan Platz ist oder ob dafür anderes weichen müsste. 

Ein weiteres Problem ist, dass technische Studiengänge unter Schulabsolventinnen und Schulabsolventen zunehmend unbeliebter werden. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Expertinnen und Experten für kritische Infrastrukturen. Eva-Maria Kern sieht eine Wertsteigerung der betroffenen Berufe als Lösung und appelliert gleichzeitig an das Verantwortungsbewusstsein junger Menschen.

Die Verantwortung für eine intakte Infrastruktur liegt auch bei Privatpersonen. Beispielsweise sind Grundbesitzerinnen und Grundbesitzer gefragt, wenn es um ihre Kooperationsbereitschaft bei präventiven Maßnahmen wie der Einrichtung von Retentionsbecken im Kontext des Hochwasserschutzes geht. Im Nachgang an die Flut im Ahrtal 2021 begann eine wichtige Diskussion über landschaftliche Umgestaltungsmaßnahmen. Dabei trafen erneut verschiedene Interessen aufeinander - insbesondere bei der Frage, wie der Natur mehr Raum geschaffen werden kann und woher dieser Raum kommen soll. 

Für private Haushalte bietet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Informationen zur Vorbereitung für den Krisenfall. Diese umfassen sowohl ein ressourcenschonendes Verhalten im Alltag als auch eine Liste an Lebensmitteln und Hilfsmitteln wie Wasserflaschen, Nudeln und Taschenlampen, die jeder Haushalt vorrätig haben sollte.

Flyer Programm

Fotos:© wmaster890 / iStock; 165106 / Pixabay, BayIka-Bau / Bericht: Charlotte Emmerich/Akademie für Politische Bildung Tutzing

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