17.03.2026 - München
500 Milliarden Euro neue Kredite für Infrastruktur und Klimaneutralität - mit diesem Versprechen hat der Bund im Frühjahr 2025 den fiskalischen Rahmen erweitert. Eine aktuelle Analyse von Emilie Höslinger und Max Lay vom ifo Institut kommt zu einem ernüchternden Zwischenfazit: Die Regierung hat die 2025 aufgenommenen neuen Schulden zu 95% nicht für zusätzliche Infrastrukturinvestitionen eingesetzt - sondern faktisch „zweckentfremdet“. Kern des Problems: Zusätzliche Schulden führen nicht automatisch zu zusätzlichen Baustellen. Die Verbände VBI, ZDB, BBS und HDB kritisieren die Regierung mit deutlichen Worten.
Im Zentrum der Untersuchung des ifo Institutes, die im Rahmen des ifo Schnelldienst digital erschienen ist, steht das „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK). Über zwölf Jahre sollen darüber insgesamt 500 Mrd. Euro kreditfinanzierte Mittel bereitgestellt werden, um öffentliche Infrastruktur etwa in Verkehr, Energie und Digitalisierung zu stärken und so langfristig Wachstum und Standortattraktivität zu verbessern.
Gleichzeitig warnen die Autoren: Schon die Konstruktion des Instruments werfe Fragen auf - insbesondere beim Kriterium der Zusätzlichkeit. Denn es gibt Hinweise, dass Investitionen aus dem Kernhaushalt in das SVIK verschoben wurden. Ergebnis: Es entsteht nicht zwingend mehr Investitionstätigkeit, sondern teils nur eine andere Finanzierungsquelle (weg von laufenden Mitteln, hin zu Kreditfinanzierung).
Hinzu kommt eine formale Hürde: Der Bund darf SVIK-Mittel nur nutzen, wenn in der Haushaltsplanung eine Investitionsquote von 10% erreicht wird. Diese Quote wird jedoch nur an Planwerten gemessen - und wenn die Quote im laufenden Haushaltsvollzug (Ist) unterschritten wird, hat das keine Konsequenzen für die Verfügbarkeit der SVIK-Mittel.
Dass Plan und Wirklichkeit auseinanderlaufen, belegen die Autoren mit einem Blick zurück: Zwischen 2014 und 2024 wichen Soll- und Ist-Investitionen im Schnitt um -4,1 Mrd. Euro pro Jahr voneinander ab. Das mache ein belastbares Monitoring der tatsächlichen Investitionstätigkeit notwendig.
Auch der Verlauf im Jahr 2025 liefert Erklärungsansätze. Laut Soll-Ist-Vergleich auf Monatsbasis blieb der Kernhaushalt bei den Investitionen deutlich hinter den Planansätzen zurück - die Lücke wuchs vor allem bis August. Die Bundesregierung führte dies u. a. auf die vorläufige Haushaltsführung zurück.
Gleichzeitig kam das Sondervermögen spät in Gang: Das Errichtungsgesetz wurde erst im März 2025 beschlossen, die Kreditaufnahme startete laut Studie erst im Oktober 2025, was schnelle Mittelabflüsse erschwerte.
Für die Jahre 2026 bis 2029 rechnen die Autoren anhand von Planzahlen vor, dass die Investitionslücke und damit die Zweckentfremdungsquote geringer ausfallen könnte - wenn die mittelfristige Finanzplanung eingehalten wird.
Je nach zugrunde gelegter Referenzquote (z. B. Quote 2024 oder Durchschnitt 2015-2024) liegen die berechneten Zweckentfremdungsquoten in den Planjahren teils im Bereich von rund 17% bis knapp 40%.
Die Botschaft: Das Instrument könnte noch liefern - aber nur, wenn der Kernhaushalt nicht gleichzeitig investiv ausdünnt und wenn die Umsetzungskapazitäten tatsächlich wachsen.
Das Sondervermögen ist als Langläufer konzipiert. Doch die erste belastbare Momentaufnahme für 2025 fällt aus ifo-Sicht ernüchternd aus: Zusätzliche Schulden sind angekommen - zusätzliche Investitionen bislang kaum. Die Autoren führen das u. a. auf Verschiebungen aus dem Kernhaushalt, einen späten Anlauf des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität und mögliche Kapazitätsgrenzen im Bau hin.
Die Autoren betonen aber zugleich: Das hohe Maß der „Zweckentfremdung“ resultiere vor allem daraus, dass Investitionen nicht zusätzlich zu den bisherigen Kernhaushaltsinvestitionen erfolgten. Ob sich das dreht, hängt von einem entscheidenden Faktor ab: Steigen die Investitionen im Kernhaushalt wieder - oder ersetzt das Sondervermögen am Ende nur, was zuvor regulär finanziert wurde? Das von den Autoren vorgeschlagene Monitoring soll genau diese Frage künftig fortlaufend beantworten.
Download
ifo Schnelldienst digital, 2026, 7, Nr. 4 01-12 ifo Institut
München:
Monitoring der Investitionen des Bundes: Werden zusätzlicheSchulden auch für zusätzliche Investitionen verwendet?
Quelle: ifo Institut, Artikel. Jan Struck, Titelfoto: © Leon Seibert / Unsplash
VBI-Hauptgeschäftsführer Sascha Steuer sagt:
"Es ist dramatischer als gedacht. Nur ein Bruchteil des Sondervermögens kommt in der Infrastruktur an, So kann es nicht bleiben!
24,3 Milliarden Euro neue Schulden durch das Sondervermögen 2025 - aber nur 5 % davon erreichen die Infrastruktur, der Rest kompensiert Löcher im Kernhaushalt. Diese Zahlen des ifo Institutes- Leibniz Institute for Economic Research sind noch dramatischer, als wir bisher befürchtet hatten. Das rechtfertigt weder die hohe Neuverschuldung, noch wird dadurch der Zustand unserer Schienen, Straßen und Brücken besser.
Das Sondervermögen muss überwiegend zusätzlich in Infrastrukturinvestitionen fließen, nur so kann es zu sichtbaren Verbesserungen kommen. Alles andere gefährdet die Zustimmung zur Politik der Bundesregierung massiv. Und die Planungsunternehmen können so keine verlässlichen Kapazitäten aufbauen."
Quelle und Foto: Verband Beratender Ingenieure
Die Regierung hat im vergangenen Jahr das Sondervermögen zu 95 Prozent nicht für zusätzliche Infrastrukturinvestitionen eingesetzt, teilt das ifo Institut heute mit. Rund 24,3 Milliarden Euro zusätzliche Schulden hat die Bundesregierung 2025 im Rahmen des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität aufgenommen. Die tatsächlichen Investitionen des Bundes stiegen jedoch nur um 1,3 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. 95 Prozent der neuen Schulden flossen demnach nicht in zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen, sondern wurden durch Verschiebungen aus dem Kernhaushalt faktisch zur Haushaltskonsolidierung genutzt.
Dazu Felix
Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe:
"Die
heutige Veröffentlichung des ifo Instituts bestätigt, was unsere
Betriebe auf den Baustellen bereits spüren: Vom Sondervermögen ist
bisher wenig angekommen. 95 Prozent der 2025 aufgenommenen Schulden über
das SVIK flossen nicht in zusätzliche Infrastrukturinvestitionen. Das
ist ein enttäuschendes Ergebnis.
Schon lange haben wir
unmissverständlich gefordert: Das Sondervermögen muss als wirklich
zusätzliche Investitionsquelle wirken und darf nicht dazu dienen, Löcher
im Kernhaushalt zu stopfen. Das ist keine Infrastrukturpolitik, das ist
Haushaltskosmetik.
Man muss sich die Frage stellen: Ist der
Politik der Ernst der Lage wirklich bewusst? Weiß sie um Deutschlands
Standortkrise? Der bis 2024 aufgelaufene kommunale Investitionsstau
beläuft sich auf 216 Milliarden Euro. Rund 70 Prozent des Güterverkehrs
laufen über das Straßennetz – ein Netz, das seit Jahren unterfinanziert
ist. Deutschland kann es sich schlicht nicht leisten, das Sondervermögen
für andere Zwecke zu verfrühstücken.
Das Sondervermögen ist
eine historische Chance. Wir fordern die Bundesregierung auf, umgehend
gegenzusteuern. Die Investitionsausgaben im Kernhaushalt dürfen nicht
weiter abgebaut werden, das wird nur mit umfassenden Reformen und
Einsparungen gehen. Verschiebungen zwischen den Töpfen müssen
unterbunden und das Sondervermögen muss wirklich zusätzlich investiert
werden. Nur wer das Geld tatsächlich verbaut, investiert in die Zukunft
Deutschlands."
Quelle: Zentralverband Deutsches Baugewerbe
Heute vor einem Jahr hat der Bundestag mit einer Grundgesetzänderung den Weg für das Infrastruktur-Sondervermögen freigemacht. Institut der deutschen Wirtschaft und ifo Institute – Leibniz Institute for Economic Research veröffentlichten dazu gestern Untersuchungen, dass große Teile zweckentfremdet werden.
BBS-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Frederichs fordert,
dass es kein „Weiter so“ mehr geben darf:
"Zweckentfremdung statt Zukunftsinvestition, Verschiebebahnhof statt Fortschritt, Schlusslicht beim Wachstum: Das Infrastruktur-Sondervermögen droht zum milliardenschweren Fehlschlag zu werden.
Nach über einem Jahr ist die Auftaktbilanz verheerend. Die Modernisierung kommt bislang kaum voran - wenn es so weitergeht, droht kommenden Generationen nur ein gewaltiger Schuldenberg ohne leistungsfähige Infrastruktur.
Doch es ist nicht nur die Mittelverwendung. Die Bundesregierung liefert bei der Planungsbeschleunigung bisher kaum Ergebnisse. Sinnvolle Ansätze werden zerredet, in Kompromissen entkernt oder bleiben im Gesetzgebungsprozess stecken. In weiten Teilen von Regierung und Parlament fehlt offenbar noch immer das Bewusstsein für die Dramatik der Lage.
Es darf kein „Weiter so“ mehr geben. Jetzt braucht es einen echten Kurswechsel: radikale Beschleunigung statt politischer Trippelschritte, klare Prioritäten statt Verwässerung und einen konsequenten, zweckgebundenen Mitteleinsatz. Nach knapp einem Jahr ist der nächste Bundeshaushalt bereits die letzte Ausfahrt für das Sondervermögen."
Quelle: Bundesverband Baustoffe - Steine und Erden e.V.
Bauindustrie-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller zur heutigen Mitteilung des ifo Instituts über die Zweckentfremdung des Sondervermögens:
„Heute bestätigt die Wissenschaft, was die Bauindustrie seit knapp einem Jahr wiederholt: Die Mittel des Sondervermögens fließen zwar de facto in die Infrastruktur – wenn aber im gleichen Maße reguläre Haushaltsmittel abgezogen werden, muss man benennen, was wir hier sehen: einen Verschiebebahnhof.
Das Sondervermögen erfüllt somit die Erwartungen nicht: die Mittel sind nicht zusätzlich, wie es die Bürgerinnen und Bürger verstanden haben. Es sorgt dadurch weder für den erwünschten, langfristigen Wachstumsimpuls, noch stellt es eine ausreichende Instandsetzung und Modernisierung unserer Infrastruktur sicher. Beide Argumente waren jedoch Grundvoraussetzung für die Aufnahme dieser Sonder-Schulden.
Eine gute und verlässliche Infrastruktur ist Standortfaktor und Grundlage unseres Wohlstands. Ihre Bereitstellung ist eine hoheitliche Aufgabe unseres Staates. Dieser Verantwortung muss sich die Politik vollumfänglich bewusst werden und die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen.
Klar geworden ist: Wir brauchen eine verlässliche, überjährige und von den Haushaltszwängen unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Deswegen müssen die im Koalitionsvertrag versprochenen Instrumente, insbesondere der Finanzierungskreislauf Straße und ein langfristiger Schienenfonds, mit Nachdruck vorangetrieben werden. Auch die Frage nach der Nutzung von privatem Kapital muss diskutiert werden.“
Quelle: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie
Investitionsstau auflösen, Infrastruktur modernisieren – so das Versprechen hinter dem Sondervermögen. Ein Jahr später zeigen Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): Der Großteil der Mittel wurde nicht für zusätzliche Investitionen, sondern für andere Zwecke verwendet.
Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr 86 Prozent der Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) zweckentfremdet. Das zeigen IW-Auswertungen des Bundeshaushalts. Demnach beliefen sich die tatsächlichen Investitionsausgaben des Bundes einschließlich des SVIK nach Bereinigung um finanzielle Transaktionen auf rund 71 Milliarden Euro. Das entspricht einem nominalen Anstieg von nur zwei Milliarden Euro gegenüber 2024 – gerade genug, um die Inflation auszugleichen.
Weitere 12 Milliarden Euro aus dem SVIK ersetzten Ausgaben, die zuvor aus dem Kernhaushalt finanziert wurden – Stichwort Verschiebebahnhof. Dabei zählt der Bund etwa „Sofort-Transformationskosten" für Krankenhäuser zu den Investitionen aus dem SVIK, obwohl diese Mittel laufende Betriebskosten decken.
Nur 42 Prozent der Mittel abgeflossen
Geplant hatte der Bund, 19 Milliarden Euro aus dem SVIK auszugeben. Nur drei von vier geplanten Euro flossen also tatsächlich ab. Daneben sahen die Planungen zehn Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds (KTF) sowie 8,3 Milliarden Euro für die Länder vor. Die tatsächlichen Investitionen des KTF lagen 2025 um 8,3 Milliarden Euro unter Plan und fielen sogar unter das Niveau von 2024. Die Mittel für die Länder können aus bürokratischen Gründen erst ab 2026 fließen. Insgesamt rief die Bundesregierung 2025 nur 42 Prozent der geplanten SVIK-Mittel ab.
Wirksamer Kontrollmechanismus fehlt
Auch im Kernhaushalt verfehlte die Bundesregierung ihre eigenen Vorgaben. Um auf das SVIK zugreifen zu dürfen, muss der Bund mindestens zehn Prozent seiner regulären Ausgaben in Investitionen stecken. In der Planung erreichte er diese Schwelle gerade so – tatsächlich lag die Quote nur bei 8,7 Prozent. Konsequenzen hat das nicht: Die Vorgabe bezieht sich nur auf die geplanten, nicht auf die tatsächlichen Ausgaben. Damit fehlt ein wirksamer Kontrollmechanismus – ein struktureller Geburtsfehler.
Ein Jahr nachdem der Bundestag das Sondervermögen bewilligt hat, bleibt Ernüchterung. Union und SPD hatten die Chance, den Investitionsstau aufzulösen. Sie haben sie bislang nicht genutzt. Die Regierung sollte sich 2026 an ihr Versprechen der Zusätzlichkeit erinnern und die Ausgaben konsequent an Infrastruktur und Klimaneutralität ausrichten. Dafür braucht es auch schnellere Verfahren in der öffentlichen Verwaltung.
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. / Dr. Tobias Hentze
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