08.07.2025 - Brüssel / Berlin / München
Der Binnenmarktausschuss des Europäischen Parlaments hat am 7. Juli 2025 seinen Bericht für eine parlamentarische Entschließung zur Reform der EU-Vergaberichtlinien vorgelegt. Der Bericht markiert einen potenziellen Paradigmenwechsel im europäischen öffentlichen Auftragswesen, weg vom reinen Preisdiktat hin zu Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit. Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau begrüßt den Bericht ausdrücklich, da diese Neuausrichtung insbesondere für die mittelständischen Ingenieurbüros in Deutschland erhebliche Chancen birgt.
Der Bericht des Europäischen Parlaments sendet ein klares Signal: Öffentliche Ausschreibungen sollen künftig nicht mehr allein auf den günstigsten Preis fixiert sein. Stattdessen sollen soziale und ökologische Kriterien sowie Innovationsaspekte deutlich stärker gewichtet werden.
Die Abgeordneten argumentieren, dass anfänglich billige Projekte oft höhere Folgekosten durch Wartung, Umweltschäden oder mangelhafte Arbeitsbedingungen verursachen. Das Ziel ist es, das "beste Preis-Leistungs-Verhältnis" in den Vordergrund zu rücken.
Ein weiterer zentraler Pfeiler der Reform ist die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU). Dies soll durch eine flächendeckende Losvergabe erreicht werden. Große öffentliche Aufträge sollen demnach europaweit in kleinere, überschaubare Teil- und Fachlose unterteilt werden. Das soll es für KMU einfacher machen, sich an Ausschreibungen zu beteiligen, da sie sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren können, ohne mit überdimensionierten Gesamtprojekten konfrontiert zu sein.
Ergänzend dazu zielt die Reform auf eine deutliche Vereinfachung der bisher über 900 Seiten umfassenden Vergabegesetze ab, um bürokratische Hürden abzubauen. Auch die Anpassung der Preisschwellen aufgrund gestiegener Baukosten wird befürwortet.
Piotr Müller, der Berichterstatter des Parlaments, betonte die Notwendigkeit der Reform:
„Das neue öffentliche Vergabeverfahren sollte dazu dienen, Prozesse zu regulieren, und nicht dazu, alle möglichen politischen Maßnahmen umzusetzen. Deshalb schlagen wir eine Vereinfachung, eine echte Digitalisierung und transparente Regelungen vor. Neue Vorschriften müssen auf ihre Auswirkungen auf kleine Unternehmen hin überprüft werden – wenn sie kleinen Unternehmen die Teilnahme an Ausschreibungen erschweren, müssen sie geändert werden. Andernfalls werden wir mit einem System enden, das diejenigen ausschließt, die es am dringendsten benötigen.“
Für deutsche Ingenieurbüros, die oft durch Spezialisierung und hohe Qualitätsstandards gekennzeichnet sind, ergeben sich aus der Reform vielfältige Konsequenzen.
Die Losvergabe wäre der wohl größte Segen für den Mittelstand. Statt sich in riesigen Ausschreibungen gegen internationale Großkonzerne behaupten zu müssen, könnten Ingenieurbüros künftig gezielt einzelne Fachlose akquirieren.
Dr.-Ing. Werner Weigl, 2. Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und Vorsitzender des Arbeitskreises „Vergabe“ der Bundesingenieurkammer, begrüßt den Bericht des Binnenmarktausschusses ausdrücklich:
„Die Losvergabe, also die Aufteilung großer Aufträge in kleinere Lose, muss europaweit Standard bei öffentlichen Aufträgen werden. Denn aktuell können kleinere Ingenieurbüros mit wenigen Mitarbeitern den mit einer EU-Vergabe verbundenen Aufwand nicht stemmen.“
Auch die Bundesingenieurkammer begrüßt den Vorschlag, den Fokus bei der Vergabe öffentlicher Aufträge auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und nicht nur auf den günstigsten Preis zu legen. Der Bericht zur Reform der EU-Vergaberichtlinie sieht zudem neue Regeln vor, die die Beteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) bei EU-weiten Ausschreibungen fördert. Damit kommt er einer Forderung der Bundesingenieurkammer nach, Aufträge grundsätzlich losweise zu vergeben, um im Interesse eines größeren Wettbewerbes die Teilnahme von KMU an öffentlichen Ausschreibungen zu erleichtern.
Auch Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), begrüßt den Bericht ausdrücklich: „Das sind gute Nachrichten aus Brüssel. Der Ausschuss hat sich klar dafür ausgesprochen, kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu öffentlichen Aufträgen deutlich zu erleichtern.“ Er fügte hinzu: „Die Losvergabe hat sich in Deutschland bewährt und sorgt seit Jahren für fairen Wettbewerb und gute Preise für den Steuerzahler.“
Auch ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke sieht die Losvergabe als klaren „Türöffner“ für Handwerksbetriebe und damit auch für eng verwandte Ingenieurleistungen.
Die Abkehr vom reinen Preiswettbewerb würde bedeuten, dass auch kleinere und mittlere Ingenieurbüros, die hochwertige Planungen, innovative Lösungen (z.B. im Bereich digitale Planungsmethoden wie BIM, Energieeffizienz oder nachhaltige Bauweisen) und fundiertes Know-how bieten, besser zum Zug kommen.
Dies eröffnet die Chance, angemessene Honorare für qualitativ anspruchsvolle Arbeit zu erzielen und sich über Expertise statt über den niedrigsten Preis zu differenzieren.
Eine tatsächliche Vereinfachung der Vergabeverfahren würde den administrativen Aufwand für mittelständische Büros erheblich reduzieren. Weniger komplexe Formulare und klarere Regelungen sparen Zeit und Personalressourcen, die stattdessen in die eigentliche Planungsleistung fließen können.
Eine stärkere Gewichtung von sozialen und ökologischen Kriterien würde bedeuten, dass Ingenieurbüros möglicherweise zusätzliche Nachweise oder Zertifizierungen erbringen müssen.
Hier besteht die Gefahr, dass, wie von Holger Schwannecke kritisiert, „zusätzliche Auflagen, wie eine verpflichtende Tarifbindung, Behörden wie Unternehmen überfordern und kleinen Betrieben den Zugang zu öffentlichen Aufträgen erheblich erschweren“ könnten, wenn die Umsetzung nicht praktikabel erfolgt. Büros müssen ihre internen Prozesse überprüfen und gegebenenfalls anpassen, um diese neuen Anforderungen effizient zu erfüllen.
Sollte die diskutierte Bevorzugung von Anbietern mit eigenen Mitarbeitern durchgesetzt werden, müssten Büros, die stark auf freie Mitarbeiter oder Subunternehmer setzen, ihre Organisationsstrukturen überdenken.
Die deutschen Verbände äußern die Sorge, dass nationale Regelungen die positiven Impulse aus Brüssel unterlaufen könnten.
„Deutschland darf jetzt nicht den Fehler machen, im nationalen Recht gegenzusteuern und die Losvergabe zu schwächen“, mahnte Felix Pakleppa. Ingenieurbüros müssen daher die nationale Umsetzung der EU-Richtlinien genau beobachten.
Der Bericht des Binnenmarktausschusses ist ein wichtiger, aber noch kein abschließender Schritt. Die EU-Kommission wird auf dieser Grundlage bis Ende 2026 einen konkreten Gesetzgebungsvorschlag vorlegen, dem ein umfassender legislativer Prozess im Europäischen Parlament und im Rat der EU folgt.
Für deutsche Ingenieurbüros bedeutet dies, dass sie sich weiterhin aktiv mit dem Thema auseinandersetzen sollten. Eine frühzeitige Anpassung an die absehbaren Änderungen, insbesondere im Hinblick auf Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards, kann einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sich die Branche über ihre Verbände weiterhin für eine praxisnahe und mittelstandsfreundliche Umsetzung der Reform sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene einsetzt.
Die Reform birgt das Potenzial, den öffentlichen Beschaffungsmarkt gerechter, effizienter und zukunftsfähiger zu gestalten – und damit eine echte Chance für Deutschlands mittelständische Ingenieurbüros, ihre Expertise und Innovationskraft voll einzubringen.
Autor: Jan Struck, Geschäftsführer, Kommunikation - Marketing - Bildung, Bayerische Ingenieurekammer-Bau
Quellen: Europäisches Parlament, Bayerische Ingenieurekammer-Bau, Zentralverband Deutsches Baugewerbe, Zentralverband des Deutschen Handwerks e. V.
https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20250707IPR29463/public-tenders-should-look-at-more-than-just-cheapest-price-meps-say
https://www.zdb.de/meldungen/baubranche-atmet-auf-eu-will-mehr-chancen-fuer-mittelstand-schaffen
https://www.zdh.de/ueber-uns/fachbereich-europapolitik/eu-aktuell/auftragswesen-eu-weite-losvergabe-staerkt-handwerksbetriebe/
Fotos:
Tobias Hase / BayIka-Bau; pwmotion
/ Adobe Stock; Büro des polnischen Premierministers / Gemeinfrei
Vergaberecht: EU fördert Wettbewerb, Bundesratsantrag könnte ihn ausbremsen
Die Bundesingenieurkammer begrüßt den Vorschlag des Binnenmarktausschusses des Europäischen Parlaments vom 7. Juli 2025, den Fokus bei der Vergabe öffentlicher Aufträge auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und nicht nur auf den günstigsten Preis zu legen. Der Bericht zur Reform der EU-Vergaberichtlinie sieht zudem neue Regeln vor, die die Beteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) bei EU-weiten Ausschreibungen fördert. Damit kommt er einer Forderung der Bundesingenieurkammer nach, Aufträge grundsätzlich losweise zu vergeben, um im Interesse eines größeren Wettbewerbes die Teilnahme von KMU an öffentlichen Ausschreibungen zu erleichtern.
Völlig in die falsche Richtung geht deshalb der Entschließungsantrag des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur nationalen Reform des Vergaberechts, der am 11. Juli 2025 auf der Tagesordnung des Bundesrates steht. Dieser empfiehlt eine erleichterte Zusammenfassung von Teil- und Fachlosen als Gesamtvergabe, um dadurch vermeintlich die Vergabe zu beschleunigen. Eine weitere Aufweichung des Grundsatzes der losweisen Vergabe um zeitliche Gründe, wie im Antrag vorgeschlagen, wäre kontraproduktiv. Während die Europäische Union erkannt hat, dass mehr Wettbewerb nur durch eine stärkere Beteiligung von KMU zu erreichen ist, bedeutet der Bundesratsantrag gegenüber dem EU-Vorschlag einen Rückschritt hin zu einer marktbeherrschenden Stellung weniger Großunternehmen, mit all seinen negativen Folgen für den Wettbewerb.
Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer, mahnt deshalb: „Eine Stärkung des EU-Binnenmarktes lässt sich nicht durch Gesamtvergaben an einige wenige Großunternehmen erreichen. Eine weitere Aufweichung des Grundsatzes der losweisen Vergabe um zeitliche Gründe würde nicht nur die kleinen und mittelständischen Planungsbüros vom Wettbewerb ausschließen, sondern würde auch für die öffentlichen Auftraggeber den Wettbewerb weiter einschränken. Angebote von ein paar wenigen Großunternehmen sind nicht geeignet, den Wettbewerb um das wirtschaftlichste Angebot zu gewährleisten.“
Quelle: Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB)
Baubranche atmet auf: EU will mehr Chancen für Mittelstand schaffen
Der Binnenmarktausschuss des Europäischen Parlaments hat gestern Abend seinen Bericht zur Reform der EU-Vergaberichtlinien angenommen. Dazu erklärt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB):
„Das sind gute Nachrichten aus Brüssel. Der Ausschuss hat sich klar dafür ausgesprochen, kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu öffentlichen Aufträgen deutlich zu erleichtern. Künftig soll die Losvergabe, also die Aufteilung großer Aufträge in kleinere Lose, europaweit zum Regelfall werden. Dieses Prinzip hat sich in Deutschland bewährt und sorgt seit Jahren für fairen Wettbewerb. Die Losvergabe ist Herzstück eines gesunden Wettbewerbs und sorgt für gute Preise für den Steuerzahler.
Bislang sieht das EU-Recht zwar die Möglichkeit vor, Aufträge in Fach- und Teillose zu gliedern. Doch einen echten Vorrang dafür gibt es nicht. Ein Begründungszwang für das Abweichen fehlt bisher. Der Vorschlag des Ausschusses setzt hier an: Er stärkt die Losvergabe als zentrales Instrument, damit die mittelständischen Bauunternehmen hierzulande überhaupt am öffentlichen Markt teilnehmen können.
Wir begrüßen diesen Schritt ausdrücklich. Mit Blick auf das Infrastrukturpaket darf Deutschland jetzt nicht den Fehler machen, im nationalen Recht gegenzusteuern und die Losvergabe zu schwächen. Es wäre absurd, wenn wir auf europäischer Ebene Fortschritte erzielen und gleichzeitig auf Bundesebene zurückrudern.
Die EU-Kommission muss bei der geplanten Reform Ende 2026 den Fokus klar auf Vereinfachung und Wettbewerb legen. Neue Hürden wie eine verpflichtende Tarifbindung würden Behörden und Betriebe nur zusätzlich belasten und das eigentliche Ziel – mehr Chancen für den Mittelstand – konterkarieren.“
Quelle: Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB)
Auftragswesen: EU-weite Losvergabe stärkt Handwerksbetriebe!
Der Binnenmarktausschuss im Europäischen Parlament hat seinen Bericht für eine parlamentarische Entschließung zur Reform der EU-Vergaberichtlinien angenommen. Dazu erklärt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke:
"Der Vorrang der Losvergabe ist der Türöffner, damit Handwerksbetriebe öffentliche Aufträge gewinnen können. Entsprechend positiv ist der heute im Binnenmarktausschuss des EU-Parlaments (IMCO) angenommene Initiativbericht zu bewerten, der den Zugang kleiner und mittelständischer Handwerksbetriebe zum öffentlichen Markt signifikant stärkt. Die Losvergabe soll richtigerweise auch in der EU künftig zur Regel werden.
Entscheidend ist allerdings, dass sich die Kommission bei ihrem für Ende 2026 geplanten Reformvorschlag wirklich auf Vereinfachungen und die Stärkung des Wettbewerbs konzentriert. Kriterien wie eine verpflichtende Tarifbindung würden zu einem erheblichen Mehraufwand bei Vergabestellen und Bietern führen und KMU den Zugang zum öffentlichen Markt erschweren.
Zu dem Ziel, die Beteiligungsmöglichkeiten von Handwerksbetrieben zu stärken, hat sich auch die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag eindeutig bekannt. Der aktuell diskutierte Vorschlag, den nationalen Primat der Fach- und Teillosvergabe einzuschränken, würde dieser Zusage widersprechen."
Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks e. V. (ZDH)
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