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Die Stadt von morgen gestalten

Kolumne von Dr.-Ing. Markus Hennecke, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, veröffentlicht in der Bayerischen Staatszeitung vom 02.02.2018.

02.02.2018 - München

Die Stadt von morgen gestalten

Die Bayerische Ingenieurekammer veröffentlicht einmal im Monat eine Kolumne zu aktuellen Themen in der Bayerischen Staatszeitung. Hier nehmen die Mitglieder des Vorstands der Kammer Stellung zu Themen aus Bauwesen, Politik und Gesellschaft. In der Ausgabe vom 02.02.2018 schreibt Vorstandsmitglied Dr. Markus Hennecke über das Thema "Die Stadt von morgen gestalten". Lesen Sie hier den gesamten Artikel.

Die Stadt von morgen gestalten

Ein Leben in der Stadt verspricht dem Individuum wirtschaftliche Vorteile, volkswirtschaftlich gesehen sind Städte die idealen Siedlungsformen. In Deutschland leben 75 Prozent der Bevölkerung in der Stadt, weltweit sind es etwa 60 Prozent.
Die industrielle Revolution dynamisierte die Verstädterung im 19. und 20. Jahrhundert. Mit dieser rasanten Entwicklung waren die  Städte jedoch überfordert. In der Folge erwuchsen Strukturen, wie wir sie heute aus Entwicklungsländern kennen.
Nach dem zweiten Weltkrieg sahen viele Stadtplaner im Zuge des Wiederaufbaus die Chance, Städte neu zu planen und sie an die damaligen Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen. Im Sinne der Charta von Athen orientierte man sich   dabei am Ideal einer  gegliederten Stadt: Wohnen, Arbeit, Handel wurden räumlich aufgeteilt und das Auto half, diese Entfernungen schnell zu überwinden.

Die individuelle Automobilität wurde zur Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ermöglicht uneingeschränkte Mobilität zum günstigen Preis. Um dies zu gewährleisten, wurden Städte  autogerecht organisiert. Aber der Autoverkehr kannibalisiert sich selbst; die Mobilität ist in vielen Städten durch Überfüllung der Straßen gestört. Der ÖPNV bietet sich zwar als Alternative an, aber auch dieser gerät zusehends an seine Grenzen.

Als vor 60 Jahren die erste Zeche im Ruhrgebiet schloss, was das der Beginn des Niedergangs der Montanindustrie, in deren Folge traditionelle Industrien aus Deutschland verschwanden. Ursache war der internationale Wettbewerb. Heute aber stehen wir im technologischen Wandel, der die Arbeitswelt grundlegender verändern wird.

Neben der Industriearbeit verschwindet zusehends auch die Schreibtischarbeit aus den Städten. Einerseits wird durch Automatisierung menschliche Arbeit entbehrlich und andererseits entstehen neue Arbeitsstrukturen. Arbeit ist nicht mehr nur am Präsensarbeitsplatz möglich.

Die Auswirkungen der Digitalisierung sind auch im Bereich des (Einzel-)Handels deutlich erkennbar. Gab die Diversität der Einzelhandelsgeschäfte den Städten bisher eine besondere Individualität, müssen sich diese zunehmend dem Konkurrenzdruck großer Online-Händler beugen. Waren es zunächst nur die Bücher, die online bestellt wurden, wird es bald die Butter zum Frühstück sein. Geschäfte verschwinden so aus den Städten - leere Ladenlokale bleiben zurück.
Wenn in  Zukunft die Städte nicht ausschließlich eine Ansammlung von Wohneinheiten sein sollen, deren Bewohner sich in virtuellen Welten aufhalten und essen, was der Kühlschrank ordert, und wenn wir vermeiden wollen, dass der öffentliche Raum nur noch von Logistikern genutzt wird, um die  Haushalte zu beliefern, müssen wir damit beginnen, die Städte von morgen zu planen und zu gestalten.

Die Gesellschaft ist aufgerufen, die Urbanität weiterzuentwickeln. Durch das Auflösen traditioneller Wirtschaftsstrukturen ergeben sich neue Chancen für Quartiere mit einem Nebeneinander von Wohnen, Arbeit, Handeln und Kultur. Stadtstrukturen gilt es für die moderne Gesellschaft auf- und umzurüsten. Die täglichen Wege können damit wieder kürzer, der  Verkehr  reduziert  und Lebenszeit gewonnen werden.

Die Digitalisierung kann der Motor dieser Entwicklung sein: Coworking-Spaces, in dem Freiberufler gemeinsam Büroinfrastruktur nutzen, schaffen lokale Arbeitsplätze. Die inhaltliche Zusammenarbeit mit anderen Kollegen läuft hauptsächlich über Datenleitungen. Auch größere Unternehmen sollten diese Konzepte zunehmend aufgreifen.
Leistungsfähige 3D-Drucker ermöglichen eine flexible und verbrauchernahe Produktion, die in unmittelbarerer Nähe von Wohnbereichen stattfinden kann. Zudem muss der Handel als unvermeidliches Element des städtischen Lebens gesehen werden. Konzepte, wie eine attraktive Nahversorgung (gegebenenfalls in Verbindung mit dem Internet) wirtschaftlich gesichert  werden kann, müssen erarbeitet werden.

Der öffentliche Raum muss die Menschen gewinnen. Aufenthaltsqualität muss Vorrang haben gegenüber akademischer Ästhetik. Die Ideen der neuen Urbanität sind auch auf kleine und mittlere Städte zu übertragen. Sie bieten die idealen Voraussetzungen. Die heutigen Strukturen sind geprägt durch die wirtschaftliche Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts. So wie in der Wirtschaft auch ist Kurshalten in der Stadtplanung kein guter Rat.

Heute ist Umdenken angesagt.

Dr.-Ing.Markus Hennecke, Mitglied des Vorstandes der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau

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