Kammer lässt Gutachten zur neuen Schneelastnorm erstellen

München – Spätestens seit dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall am 2. Januar 2006 sind Schneelasten auf Dächern in aller Munde, auch wenn der Schnee zwar Auslöser, aber nicht die Ursache für den Einsturz war. In Deutschland werden die Grundlagen für die Berechnung der Standsicherheit von Gebäuden – „Statik“ genannt – unter anderem in DIN-Normen geregelt. Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau hat jüngst einen Arbeitskreis eingerichtet, der bestehende Normen kritisch hinterfragt und die Einführung neuer Normen praxisorientiert begleitet. Im Auftrag dieses Arbeitskreises wurde nun durch das Ingenieurbüro Schwind ein Gutachten zur neuen Schneelastnorm erstellt. Nach Ansicht vieler Experten ist diese Norm erheblich korrekturbedürftig.

 

13.03.2008  -  München

Die für Deutschland gültigen Normen, welche die anzusetzenden Lasten für Bauwerke festlegen, sind die DIN-Normen der Reihe DIN 1055, die in den Jahren 2002 bis 2005 neu bearbeitet worden sind und aufgrund der Euronormen auf ein neues Berechnungskonzept umgestellt wurden. Die für Schneelast relevante Norm DIN 1055, Teil 5, Ausgabe Juli 2005, behandelt die anzusetzenden Lasten. Diese Norm ist also schon vor dem Halleneinsturz von Bad Reichenhall neu erschienen, sie wurde allerdings erst 2007 durch ihre Einführung zur Grundlage für statische Berechnungen.

 

Im Frühjahr 2006 wurden für geplante Bauvorhaben erste Berechnungen nach der neuen Schneelastnorm durch das Ingenieurbüro Schwind in Mittenwald erstellt. Diese Berechnungen für den Raum Oberbayern zeigten signifikante Differenzen zu der bisher gültigen Norm aus dem Jahre 1975. Die Auswirkungen der Lasterhöhungen wurden am Beispiel eines Daches in Mittenwald untersucht, mit dem Ergebnis, dass Sparrenquerschnitte mit einer fast dreifachen Tragfähigkeit gegenüber den Ergebnissen der alten Norm notwendig werden.

 

Absurd erscheint auch folgender, durch die neue Norm verursachter Konflikt: Zwar fördert die Bundesregierung die nachträgliche Installation von Solaranlagen auf deutschen Dächern. Doch das Eigengewicht dieser Anlagen lässt dies eigentlich gar nicht mehr zu. Denn laut neuer Norm sind bestehenden Dachkonstruktionen plötzlich nicht mehr geeignet, die zusätzliche Last von Solaranlagen, die rund 20 kg pro Quadratmeter betragen kann, aufzunehmen. Tausende realisierte Anlagen beweisen zwar, dass es keine statischen Probleme gibt – aber rein rechtlich betrachtet dürften auf vielen Dächern laut neuer Norm keine Solarsysteme angebracht werden. 

 

Da die neue Norm auf der entsprechenden Euronorm basiert, wurden auch Berechnungen nach der neuen österreichischen Norm aufgestellt, und brachten als Ergebnis, dass zwei Orte, die 5 Kilometer auseinander liegen (Mittenwald und Scharnitz), Unterschiede in der charakteristischen Schneelast von fast 20 % aufzeigten, das heißt, in Scharnitz wird mit 0,94 KN/m²  geringeren Schneelasten gerechnet, das ist dieselbe Last, wie sie in München insgesamt auf einem Dach anzusetzen ist.

 

Aufgrund dieser Vergleichsberechnungen wurde Kontakt mit dem Deutschen Normenausschuss aufgenommen, um die gegebene Situation aufzuklären. Im weiteren wurde in Verbindung mit der Bayerische Ingenieurekammer-Bau Gespräche bei der Obersten Baubehörde mit dem Ziel geführt, bei Einführung der DIN 1055-5, Änderungen im Bereich der Schneeüberhanglast sowie bei den Höhensprüngen an Dächern zu erwirken und von der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau in Verbindung mit dem Verband der Prüfingenieure in Bayern als Antrag formuliert und der Obersten Baubehörde zugeleitet. Schon auf der 170. Sitzung der Fachkommission Bautechnik im Frühjahr 2007 wurden Änderungen zu den Schneeüberhanglasten an der Traufe, und zu Lasten aus Höhensprüngen an Dächern beschlossen.

 

Im Unterschied zur alten Norm von 1975, die als Datenbasis die Schneehöhen von 1800 Wetterstationen für die alte Bundesrepublik mit einer einheitlichen Messbasis über einen Zeitraum von 30 Jahren benutzte, basiert die neue Norm auf den gemessenen Wasseräquivalentwerten von 340 Messstationen, verteilt über die gesamte Fläche Deutschlands, wobei auch noch unterschiedliche Messreihen zwischen 4 und 50 Jahren benutzt wurden. Dies war Anlass für die Bayerische Ingenieurekammer-Bau die langjährige Erfahrung des Ingenieurbüros Schwind, Mittenwald, in Bezug auf Schneelasten zu nutzen und mit der Anfertigung eines Gutachtens zu beauftragen. Dieses Gutachten wurde der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau jetzt übergeben.

 

Stellvertretend für den oberbayerischen Alpenraum wurde das Werdenfelser Land (der Landkreis Garmisch-Partenkirchen) als Ausgangsbasis herangezogen. Gestützt auf Daten des Deutschen Wetterdienstes sollte in diesem Gutachten die Frage untersucht werden, wie sich die Anforderungen der neuen Norm mit den gemessenen Schneelasten im Landkreis Garmisch-Partenkirchen vergleichen lassen und in wie weit sie mit der neuen ÖNORM korrespondieren.

 

Die Schneelasten auf einem Dach betrugen nach alter Norm für Nürnberg 0,75 KN/m², das sind 75 kg/m², für München 1,00 KN/m², für Garmisch-Partenkirchen 2,04 KN/m² und für Bad Bayersoien im Norden des Werdenfelser Landes 1,90 KN/m². Dahingegen verringert sich die Schneelast nach neuer Norm in Nürnberg auf 0,52 KN/m² (entsprechend -31 %), in München bleibt sie etwa gleich: 0,92 KN/m² ( -8,0 %), in Garmisch-Partenkirchen steigt sie auf 3,14 KN/m² ( +54 %) und in Bad Bayersoien sogar auf 3,85 KN/m² ( +103 %). Dieses muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die bisher höchste innerhalb der letzten 50 Jahre am Boden gemessene Schneelast in Bad Bayersoien 1,87 KN/m² betrug, als Belastung auf ein Dach umgerechnet wären es 1,50 KN/m², das heißt in Bad Bayersoien betragen die rechnerischen Schneelasten das 2,6-fache der höchsten bisher gemessenen Lasten. Diese Werte sind noch mit den allgemeinen Sicherheitsfaktoren zu vervielfachen. Die berechtigten Forderungen der Bauherren und Bauschaffenden nach einer wirtschaftlich sinnvollen Bemessung von Bauteilen kann damit nicht entsprochen werden. Da auch die gemessenen Schneelasten viel stärker variieren als sie in der Norm vorausgesetzt sind, müssten, um realistische Lasten ansetzen zu können, die unterschiedlichen topographischen Gegebenheiten viel stärker berücksichtigt werden als es bisher geschehen ist.

 

Das vorliegende Gutachten wird derzeit fortgeführt mit Daten des Deutschen Wetterdienstes für das Allgäu und den Raum des Landkreises Traunstein. Weitere Untersuchungen werden auch für die Gebiete erfolgen, wo geringere Schneelasten anzusetzen sind als die alte Norm ausweist. Über die Ergebnisse werden wir berichten.

 

Wir stehen  Ihnen gerne für weitere Auskünfte zur Verfügung und vermitteln Interviewpartner zu diesem Thema.

 

 

 

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