Verleihung des Titels „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ an die König-Ludwig-Brücke in Kempten

Grußwort von Dr.-Ing. Heinrich Schroeter
Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau
20.04.2012
Kempten, König-Ludwig-Brücke

[es gilt das gesprochene Wort]

Sehr geehrter Herr Dr. Netzer,
sehr geehrter Herr Kammeyer,
sehr geehrter Herr Ueckert,
sehr geehrter Herr Professor Holzer,
sehr geehrte Damen und Herren,

vor etwas weniger als einem Jahr stand ich in Nürnberg vor der Fleischbrücke und durfte dieser wunderbaren Brücke als erstem Bauwerk in Bayern den Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ verleihen. Heute sind wir an der König-Ludwig-Brücke zusammengekommen, um eine weitere bayerische Brücke mit diesem wichtigen Titel auszuzeichnen.
Die Bayerische Ingeneiurekammer-Bau hat sich sehr darum bemüht, dass nun in kurzem Abstand wieder ein Bauwerk aus Bayern geehrt wird. Damit wird der Stellenwert Bayerns als ein Land der technischen Innovation gebührend verdeutlicht.

Doch die „König-Ludwig-Brücke“ hier im schönen Kempten ist nicht einfach Nummer 11 in der Reihe der Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst. Mit der heutigen Auszeichnung feiern wir eine Premiere: Die König-Ludwig-Brücke ist nämlich das erste ausgezeichnete Bauwerk, das aus Holz gebaut ist. Damit nimmt die König-Ludwig-Brücke innerhalb der anderen „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ eine Sonderstellung ein. Es wurden bisher ein Verbundbau, drei Stahlbauten und sieben Massivbauten ausgezeichnet. Heute nun also der erste Holzbau.

Was macht die König-Ludwig-Brücke so besonders? Von meinen Vorrednern haben Sie dazu schon Einiges gehört. Sie wissen, dass das konstruktive System der Brücke von dem amerikanischen Ingenieur William Howe entwickelt und von 1847 bis 1851 in Fachwerk-Bauweise aus besonders robustem Lärchenholz errichtet wurde. Sie führt in 30 Metern Höhe über die Iller, ist 121,6 Meter lang und stolze 160 Jahre alt. Sie ist die einzige erhaltene und längste aller Howe-Brücken in Deutschland und sie steht unter Denkmalschutz. Aber auch eine aktuelle Ingenieurleistung gehört zu dieser Brücke: Im Jahr 2005 wurde das Eichen- und Lärchenholz der Brücke mit einem Netz aus Kunstfaser vor Sonneneinstrahlung geschützt, um der Holzalterung entgegenzuwirken.

Erbaut wurde die Brücke von der Königlichen Bayerischen Staatseisenbahn und zunächst wurde sie als Eisenbahnbrücke verwendet. Inzwischen dient sie als Fuß- und Radwegbrücke zur Überquerung der Iller. Wegen der stetigen Zunahme an Anzahl und Gewicht der Güterlokomotiven wurden später zur Entlastung direkt daneben zwei neue Brücken, die Oberen Illerbrücken, die Sie seitlich von uns sehen, erbaut. Die König-Ludwig-Brücke gehört damit zu einem dreiteiligen Brückenensemble. Ein solches Brückenensemble ist außergewöhnlich und auch ein Wahrzeichen für die Stadt Kempten. Die König-Ludwig-Brücke ist der älteste Teil des Ensembles, was viele Laien verwundern mag, da sie doch aus Holz gebaut ist.

In der Tat sind Holzbrücken, die über 150 Jahre alt sind, in Deutschland nicht in großer Zahl erhalten. Dieser Umstand allein würde aber die Kemptener Brücke noch nicht zu einem „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ machen. Die Bedeutung der Brücke liegt vielmehr darin, dass sie ein in Europa heute einmaliges historisches Zeugnis für „High-Tech“ des 19. Jahrhunderts ist.
Das Material Holz widerspricht dieser Einschätzung nicht, im Gegenteil: Bis etwa 1860 war Holz in allen Bereichen des Bauwesens das wichtigste Baumaterial überhaupt. Viele Konstruktionsarten, die später den Stahlbau charakterisierten, wurden zunächst im Holzbau erfunden und ausgetestet.

Die König-Ludwig-Brücke ist zugleich ein hervorragendes Beispiel für Nachhaltigkeit. In früheren Generationen war es selbstverständlich, nachhaltig zu bauen. Heute wird oft viel zu leichtfertig mit unseren Rohstoffen und Ressourcen umgegangen; sie werden einfach verschwendet. Und dass, obwohl wir alle genau wissen, dass die Ressourcen irgendwann erschöpft sein werden. Und was dann? Diese Frage dürfen wir uns nicht erst stellen, wenn es zu spät ist! Vielleicht mag es für manche paradox klingen, doch Ingenieurbauwerke aus vergangenen Jahrhunderten können und sollten wir uns hier als Beispiel nehmen. So wie hier bei der König-Ludwig-Brücke wurde schon in der Vergangenheit von Ingenieuren sehr solide und – ich komme wieder zum Stichwort – nachhaltig gearbeitet. Ein weiterer Grund, warum sich die König-Ludwig-Brücke die Auszeichnung als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst redlich verdient hat.

Und noch ein Punkt ist für uns Bauingenieure besonders wichtig: Die König-Ludwig-Brücke gehört zu den ältesten Bauwerken, die auf Grund theoretischer Überlegungen zum Tragverhalten bemessen worden sind. Das heißt, dass die Abmessungen der Tragelemente nicht aus Erfahrung oder Gefühl heraus festgelegt worden sind, sondern anhand einer rechnerischen Vorhersage des Tragverhaltens und der zu erwartenden Beanspruchungen.

Dass wir heute noch die König-Ludwig-Brücke in ihrer Pracht bestaunen können, das verdanken wir vor allem sensiblen Tragwerksplanern. Sie hatten das Auge, das Gefühl und den Sachverstand dafür, dieses großartige Bauwerk am Leben zu halten. Sie haben die Brücke nicht einfach als nach heutigen Normen nicht mehr praxistauglich herabgestuft und aus dem Verkehr gezogen. Vielmehr haben sie nach Lösungen gesucht, die Brücke instand zu halten. Sie haben Sanierungsmaßnahmen vorgenommen, die sich mit dem Stil der Brücke vertragen haben, die ihren Charakter erhalten haben.

Der Umgang mit historischen Bauwerken ist immer ein Spagat. Einerseits muss früher oder später eine Form von Sanierung erfolgen, damit das Bauwerk nicht seinen Glanz und seine Standfestigkeit verliert. Andererseits muss eine solche Sanierung wohl durchdacht sein und mit höchster Sensibilität durchgeführt werden.

Manche Menschen denken, Bauingenieure gehen am liebsten mit Beton zu Werke und bauen vorzugsweise Straßen. Die Liebe zum Detail, das Bestreben, die bestmögliche Lösung zu finden, und eben auch der Wunsch, großartige Bauwerke aus der Vergangenheit als Zeugnisse ihrer Zeit zu erhalten – dieser Aspekt der Arbeit von Bauingenieuren wird leider viel zu wenig wahrgenommen.
Um für die Arbeit der Ingenieure als Bewahrer zu sensibilisieren, vergibt die Bayerische Ingenieurekammer-Bau alle zwei Jahre den Bayerischen Denkmalpflegepreis. 2010 wurde in der Rubrik „Öffentliche Bauwerke“ auch eine Brücke ausgezeichnet, die Länderbrücke zwischen Laufen und Oberndorf. Für den Denkmalpflegepreis 2012 können noch bis zum 2. Mai Objekte bei unserer Kammer eingereicht werden. Die Preisverleihung findet dann im September statt.

Doch zurück zu dem Titel, der heute verliehen wird: Mit der Auszeichnung von Bauwerken als „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ möchten wir die Leidenschaft der Ingenieure für ihre Arbeit und Projekte deutlich machen. Wir möchten den Bürgerinnen und Bürgern nahebringen, warum diese Brücke oder jenes Haus so besonders ist und warum es eine außergewöhnliche Leistung war, es zu errichten. Wir Ingenieure brennen für unseren Beruf. Wir sind hungrig, neue Technologien und Baustoffe zu entwickeln und zu erproben. Aber wir wissen auch um die herausragenden Leistungen früherer Ingenieurgenerationen. Wir möchten sie verstehen, davon lernen, sie weiterentwickeln und – natürlich – sie erhalten. Dies ist bei der König-Ludwig-Brücke hervorragend gelungen.

Ich hoffe, ich konnte ihr Interesse an dieser Brücke, aber auch generell an den Ingenieurleistungen, stärken. Ich darf nun gleich Herrn Kammeyer, den Präsidenten der Bundesingenieurkammer, zu mir bitten, damit wir gemeinsam die Ehrentafel für die König-Ludwig-Brücke enthüllen können.

Und ich darf Sie einladen, im Anschluss daran mit uns in das „Alte Kraftwerk“ zu kommen, wo Herr Professor Holzer, aus dessen Feder das jüngste Buch der Reihe „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ stammt, eine Laudatio auf das Bauwerk halten wird. Lassen Sie uns auf dem Weg zum Alten Kraftwerk den Blick auf die König-Ludwig-Brücke genießen und unsere Eindrücke austauschen. Und lassen Sie uns auch gerne einen Blick auf das Neue Kraftwerk werfen, das ein hervorragendes Beispiel für moderne Ingenieurbaukunst ist. Wie man sieht, versteht es Kempten auf das Vortrefflichste, Tradition und Moderne zu vereinen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse und bitte nun Herrn Kammeyer zu mir.

 

 

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