Fleischbrücke Nürnberg: Rede von Dr.-Ing. Jens Karstedt, Präsident der Bundesingenieurkammer

Rede von Dr.-Ing. Jens Karstedt, Präsident der Bundesingenieurkammer, zur Verleihung des Titels „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ an die Fleischbrücke Nürnberg am Freitag, den 10.06.2011

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Hoffmann,
lieber Herr Dr. Schroeter,
Grüß Gott liebe Nürnbergerinnen und Nürnberger,

im Namen aller Ingenieure der Bundesrepublik begrüße ich Sie ganz herzlich hier auf dem berühmten Kleinod der fränkischen Metropole Nürnberg.

Hans Sachs, ein berühmter Sohn dieser Stadt, hat „anno salutis 1530 am 20. tag Februarij“ seinen wohl ebenso bekannten „Lobspruch der Stat Nürnberg“ verfasst. Es ist wirklich schade, dass er der Fleischbrücke in seinem immerhin 385 Verse umfassenden Gedicht keine einzige Zeile gewidmet hat.
Als Ingenieur möchte man fast sagen: Es ist typisch, dass die wichtigsten Infrastrukturbauwerke einer Stadt zwar gerne genutzt aber nur selten besungen werden.

Zur Ehrenrettung des wortgewaltigen Franken muss ich natürlich einräumen, dass er der Fleischbrücke, wie wir sie kennen, gar nicht huldigen konnte. Das wunderbare Bauwerk, auf dem wir gerade stehen, wurde ja erst zwanzig Jahre nach seinem Tod fertiggestellt. Ob er die Vorgängerin der heutigen Fleischbrücke nur vergessen hat oder ob er sie des Lobes nicht würdig befand, wissen wir nicht.

Was wir aber zweifelsfrei wissen ist, dass die 1598 vollendete Fleischbrücke ein ganz besonderes Bauwerk ist. Sie ist die bedeutendste Steinbogenbrücke der Spät-Renaissance in Deutschland. An der Schwelle zur Neuzeit war dieses Kleinod für die wirtschaftliche Entwicklung der fränkischen Metropole von herausragender Bedeutung. Sie entstand zu einer Zeit, in der die Bautechnik noch nicht auf die wissenschaftlichen Grundlagen der Moderne zurückgreifen konnte. In der Fleischbrücke manifestiert sich auf wunderbare Weise die aus der Erfahrung kommende Ingenieurkunst der alten Baumeister.

Gerade deshalb ist sie ein Lehrstück für robustes und nachhaltiges Konstruieren, das bis in unsere Tage Bewunderung verdient. Und wer weiß, vielleicht war es ja auch ein großes Glück, dass die alten Baumeister der Renaissance noch ohne das ausufernde Normenwerk unserer Tage bauen konnten!
Aus all den gerade genannten Gründen verleihen die Bundesingenieurkammer und die Bayerische Ingenieure-kammer-Bau dieser ganz besonderen Brücke heute den Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“.

Wie Sie vielleicht wissen, zeichnen wir seit 2007 bedeutende historische Ingenieurbauwerke mit diesem Titel aus. Jedes Bauwerk wird mit einer Ehrentafel versehen und wir veröffentlichen im Rahmen unserer Schriftenreihe eine Broschüre, die das Ingenieurbauwerk dauerhaft in der Öffentlichkeit darstellt. Die Broschüre über die Fleischbrücke werden wir übrigens im August 2011 veröffentlichen. Und ich danke Herrn Professor Werner Lorenz und Frau Dr. Christiane Kaiser, die sich unter uns befinden, ganz herzlich, dass sie die Autorenschaft dafür übernommen haben. 

Die eben beschriebene Ehrung alter Bauwerke ist für uns aber keine folkloristische Traditionspflege. Wir wollen Bedeutendes der Vergangenheit mit dem Blick auf die Zukunft ehren. Wir wollen bahnbrechende Ingenieurbauprojekte auszeichnen, die das Leben der Menschen in der Vergangenheit erleichtert haben. Mit Blick auf die großen Vorhaben der Vergangenheit wollen wir auch dafür werben, dass die Zukunftsaufgaben in unserem Land in Angriff genommen und auf intelligente Art gelöst werden.

Sehr geehrter Herr Hoffmann, ich werte die Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung für diese Auszeichnungsreihe als Anerkennung unserer nach vorn gewandten Intentionen. Die Arbeit von uns Ingenieuren soll dem Menschen auch künftig ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und sie soll die Natur erhalten. Brücken, Straßen, Wasser- u. Abwasserwege, Bahnbauwerke, Energiesysteme und Flughäfen sind Infrastruktur für Menschen. Daran können uns auch alte Ingenieurbauwerke erinnern.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
die Fleischbrücke erhält die heutige Auszeichnung mit vollem Recht. Ich bin sehr froh, dass diese Brücke wie durch ein Wunder bis heute weitestgehend im Original erhalten geblieben ist. Dass sie die Bombardements des 2. Weltkriegs überstanden hat, ist ein großes Glück. An zentraler Stelle ist ein historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst erhalten geblieben, das nicht nur die beiden Ufer der Pegnitz, sondern auch die Vergangenheit und die Gegenwart verbindet.

Die Stadt Nürnberg wäre ärmer ohne ihre Fleischbrücke mit dem berühmten Ochsentor. Deutschland wäre ärmer ohne seine „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“.
Und meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn das geht: Hans Sachs wäre noch besser gewesen, wenn er die Fleischbrücke hätte besingen können. 

 

 

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