Die gegenwärtige Situation der Ingenieurbüros

Dipl.-Ing. Univ. Heidi Aschl. Präsidentin der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau
Seminar „Die Architekten/Ingenieur GmbH“, Eberle GmbH Versicherungsmakler für Bau- und freie Berufe Bayerischer Bauindustrieverband, Gelber Saal, Oberanger 32, München, 17.10.2006

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

zunächst möchte ich in einem kurzen Statement die Lage der im Bauwesen tätigen Ingenieure in Bayern erläutern, die Ihnen nicht neu sein wird.

25 Prozent aller Ingenieurbüros bezeichnen ihre wirtschaftliche Lage als schlecht oder sehr schlecht. Das hat eine Konjunkturumfrage der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau im Frühjahr 2006 ergeben.

Bei 30 Prozent der Büros sind die Umsätze im den vergangenen 12 Monaten gesunken. Die Folge ist, dass 20 Prozent der Büros die Mitarbeiterzahl verringern musste.

Die oft beschworene „Strukturanpassung“ ist also zumindest teilweise längst vollzogen. Wenn es jetzt aber so weitergeht, dann geht es an die Substanz. Dann werden Mitarbeiter entlassen, deren Wissen und Können für das hohe Ansehen der Ingenieure stehen. Know-how geht unwiederbringlich verloren.

Die Talfahrt der Baukonjunktur in Deutschland hält nun schon beinahe zehn Jahre an. Weder die öffentliche Hand noch private Bauherren investieren ausreichend in Planen und Bauen.

Beispiel Infrastruktur: Wir sehen den Investitionsbedarf überall, doch die öffentliche Hand nimmt nach wie vor zu wenig geld in die Hand, um zumindest einmal die Substanz zu erhalten.

Und im Hochbau sieht es nicht besser aus. Dabei ist der Bedarf an Investitionen unstrittig. Nur wer heute in die dringend notwendige Instandhaltung investiert, kann teure Folgekosten vermeiden. Und damit verhindern, dass unsere Kinder und Enkel finanziell belastet werden durch Probleme, die eigentlich wir zu lösen hätten.

Die bauliche und energetische Optimierung des Gebäudebestands in Deutschland würde darüber hinaus nicht nur dazu beitragen, Energie einzusparen, sondern sie würde uns auch einen Wissensvorsprung im Wettlauf um innovative Lösungen verschaffen – wenn investiert würde. Investitionen besonders in diesem Bereich würden sich durch die Einsparung für Energie für Heizung und Lüftung auch noch rentieren.

Auch im Bereich der Denkmalpflege entsteht durch das Spardiktat eine Situation, in der wir auf geradezu fahrlässige Weise mit unserer Baukultur, dem historischen Erbe unserer Gesellschaft, umgehen. Und das, obwohl wir gerade im Fremdenverkehr mit unseren Schlössern auch noch richtig Umsatz machen.

Die Sparpolitik der bayerischen Staatsregierung soll weiter anhalten, Gespart wird, wie sollte es anders sein, im investiven Bereich, also vermutlich noch einmal im Bauen und in der Instandhaltung. Was das für uns bedeutet, darauf brauche ich hier sicher nicht näher eingehen.

Abhilfe schaffen könnten in vielen Bereichen, in denen der Staat und die Kommunen keine ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen können oder wollen, alternative Finanzierungsformen, die ich gerne ansprechen möchte. Leider ist die öffentliche Hand derzeit noch sehr zaghaft in der Anwendung dieser Instrumente – obwohl in zahlreichen europäischen Ländern damit gute Erfahrungen gemacht wurden. Hierbei handelt es sich um PPP-Projekte, für die, den Beispielen Englands, Frankreichs oder Italiens folgend, kein öffentliches Geld in die Hand genommen werden müsste. Ich nenne hier das Betreiber-Modell und das Anlagen-Contracting oder Energie-Einspar-Contracting.
 
Durch das Bauordnungs-Deregulierungsgesetz in Bayern wird den Ingenieuren künftig eine höhere Verantwortung übertragen. Die Ingenieure sind  bereit, diese neuen Herausforderungen zum Wohle der Allgemeinheit anzunehmen.

Die erhöhte Verantwortung muss aber auch in einer novellierten HOAI ihren Niederschlag finden, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen in der inhaltlichen Anpassung hinsichtlich der EnEV und dem vorbeugenden Brandschutz, zum anderen in der Anpassung unserer seit 1996 nicht mehr angepassten Honorare. Ein wirtschaftliches Arbeiten ist kaum mehr möglich. Die Situation wird dadurch verschärft, dass die Versicherungen ihre Beiträge in jüngster Zeit drastisch erhöht haben.

Durch den tragischen Halleneinsturz in Bad Reichenhall zu Beginn des Jahres ist eine neue Problematik hinzugekommen.  Wer haftet eigentlich bei Bauwerken, die vor 30 Jahren errichtet wurden? Die Baufirmen existieren oft nicht mehr, die Planer sind im Ruhestand – da bleibt der schwarze Peter dann leider allzu oft bei demjenigen, der als letzter eine Maßnahme oder Untersuchung am Gebäude durchgeführt hat. Das verschärft das Haftungsrisiko jedoch erheblich. Denn aussagekräftige Untersuchungen des Bauwerksbestands sind nur dann möglich, wenn diese auch bezahlt werden. Eine bloße Inaugenscheinnahme – von vielen Bauherren bevorzugt, weil preiswerter – reicht da keinesfalls aus.

Berufsausübungsrecht: Mit Ausnahme der Ingenieure haben alle anderen Freien Berufe ein Berufsausübungsrecht. Heute darf jeder, der das möchte, Ingenieurleistungen erbringen. Erst kürzlich haben die Juristen beschlossen, eine Dipl.-Jur. einzuführen, das ist ein Jurist, der keine zweite Staatsprüfung abgelegt hat. Im gleichen Atemzug hat man aber hinzugefügt, dass Rechtsberatung auch künftig nur von Mitgliedern der Anwaltskammern durchgeführt werden darf. Hier stelle ich die provokative Frage, was an der Rechtsberatung so viel gefährlicher ist als an Ingenieurleistungen!

Verbände und Kammern sollten hier gemeinsam fordern, dass Ingenieure, die bei den Kammern in Listen geführt werden, zur Mitgliedschaft in den Kammern verpflichtet werden. Dies erst macht eine Qualitätssicherung im Sinne des Verbraucherschutzes möglich.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in diesem kurzen Statement konnte ich nur einige der Themen anreißen, die uns Ingenieure in Bayern derzeit bewegen.

Sehr geehrte Damen und Herren, dass es uns Ingenieuren gerade nicht gut geht, das wissen wir. Ich habe aber auch versucht, Auswege darzustellen.
Diese Möglichkeiten müssen wir kommunizieren und uns mit anderen Leistungsträgern zusammen tun.

Jammern alleine hilft nicht, wir müssen selbst aktiv werden!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

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